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zur anspruchsvollen Unterhaltung und Kunst! |
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Küssen kann man nicht alleine Max Raabe und das Palast Orchester in der Kölner Philharmonie Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Zweifellos sind es zunächst die altbekannten Ohrwürmer der zwanziger und dreißiger Jahre zwischen den Weltkriegen, die sich längst ins kollektive Unbewusste eingegraben haben: besinnlich wie „Irgendwo auf der Welt“, albern wie „Ich wollt ich wär’ ein Huhn“ und häuslich wie „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“. Oder sogar floral wie „Wenn die kleinen Veilchen blühen“ und – unübertroffen – „Mein kleiner grüner Kaktus“. Es ist die melancholisch-heitere Art des Vortrags, die Raabe nun bereits seit mehreren Jahrzehnten kultiviert. Wie ein aus dem Ei gepellter Kavalier steht er da und erweckt den Eindruck, als habe diese Art von Musik ihren eigenen Interpreten gesucht und gefunden. Da herrscht pure Konzentration, wenn Raabe mit herab hängenden Armen völlig auf Gestik verzichtet und dadurch automatisch seine sonore Stimme sowie unverwechselbare Mimik in den Vordergrund stellt. Eine Augenweide wie auch das ganze Bühnenbild, das mit Lichteffekten im Stil jener Zeit nicht geizt. Und doch wäre der Gedanke abwegig, das Museale stünde im Vordergrund. Zwar ist der für die damalige Zeit charakteristische Klang durchweg unverkennbar. Und ebenso die melancholische Grundstimmung sowie die von ironischem Augenzwinkern durchsetzte Art des Humors. Und dennoch scheinen die Darbietungen in ihrer besonderen Art auch den heutigen Zeitgeist zu treffen, wie der frenetische Beifall stets beweist. Dafür gibt es noch einen weiteren Grund, der erst beim genaueren Hinhören auffällt. Denn Raabe vermischt die bewährten Stücke mit neuen Produktionen und Arrangements, bei denen ihm Annette Humpe und Christoph Israel zur Seite standen. Vom Charakter her sicherlich ähnlich und doch versehen mit aussagekräftigen Bildern und Begebenheiten der Neuzeit. So die für den Sänger im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende Begegnung mit einer ICE-Schaffnerin in „Doktor, Doktor“ oder der Umgang mit einer Schweiß treibenden beruflichen Flaute in „Krise“, die von den Hörern gemeinsam mit dem Interpreten durchlebt und durchlitten wird. Neu ist auch das Stück „Küssen kann man nicht alleine“, das als Motto den Konzertabend überspannt. Eine Allerweltsweisheit, die es dann aber bei genauerem Zuhören in sich hat. Und wie entlässt Raabe seine Gäste in die Nacht? Mit einem „Schlaflied“ der feinen Art, das Emotionen hervorruft und damit einen würdigen Abschluss des Konzertabends bildet: „Doch du, mein Schatz, musst schlafen geh’n / weil Sterne schon am Himmel steh’n / die Sonne ist schon längst in Agadir …“ Einfach schön! Und dazu einfühlsam begleitet vom Palast Orchester, das bei allen Stücken des Abends nicht nur den richtigen Ton trifft, sondern mit seinen originellen Einlagen auch durchweg für gute Stimmung sorgt. So sind es an diesem Abend vor allem die fein dosierten Zwischentöne, die aufhorchen lassen, mitsamt der aller Melancholie zugrunde liegenden Heiterkeit. Sie ist es letztendlich, die ansteckt und als Hintergrundfolie dient für eine Sicht der Dinge, die den alltäglichen tierischen Ernst weit hinter sich lässt. |
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As Time Goes By Bonner Uraufführung der Musikkomödie „The Nightingales“ Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Knüppeldick kommt es für das Ehepaar Beatrice (Naemi Priegel) und Charles (Jasper Vogt). Nach einem bewegten Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, setzt sich in ihnen immer stärker die Erkenntnis durch, aus dem einstigen Scheinwerferlicht nun ins Renten-Abseits geraten zu sein. Und da ein Unglück selten allein kommt, ist ihnen mit ihrem beruflichen Erfolg auch gleich noch ihre Liebe zueinander abhanden gekommen. Und auch auf den Respekt und die Zuneigung ihres Sohnes Jack (Leon van Leeuwenberg) können sie nicht zählen, bei dem sie sich für die Dauer dieses Stückes unangemeldet einquartiert haben. Denn schon sind sie wieder da, die alten Wunden, die das frühere familiäre Miteinander der Nightingales verursacht hat. Und neue kommen hinzu. Dabei kämpft Junggeselle Jack gleich noch an einer anderen Beziehungsfront. Denn als Pianist im Showbusyness kann und will er die ihm von seiner Gesangskollegin Maggie (Elisabeth Ebner) entgegen gebrachten Gefühle nicht erwidern. So traurig kann Leben sein. Es sei denn, es würde gewürzt mit einer Prise Humor sowie einem Schuss unerwarteter Situationskomik. Doch Peter Quilter wäre nicht einer der meistgespielten jungen Autoren der Welt, hätte er nicht noch weitere Überraschungseffekte in sein Stück eingebaut. Und die beruhen auf dem charmanten Milieu der englischen Metropole London in der Mitte des letzten Jahrhunderts, wie sie sich in den Kostümen (Anja Saafan), der Dekorationsmalerei (Manfred Dimon) bis in die Choreographie (Elke Berges) des Stückes hinein zeigt. Der größte Trumpf jedoch ist die Musik, mit der Quilter die Nachkriegszeit wieder aufleben lässt. Ohrwürmer von Noel Coward, Cole Porter, George Gershwin und vielen Anderen, die – kaum haben sie in der Erinnerung der Showbizz-Profis auf der Bühne Gestalt angenommen – sogleich am Flügel musikalisch ins Leben zurückgerufen werden. Denn singen können sie alle. Bis auf den Butler Graham (Thomas Pohn), der jedoch mit seinem ausgleichenden Wesen und seiner feinen englischen Art über andere Fähigkeiten und Vorzüge verfügt und so in einer Atmosphäre der überdrehten Exaltiertheit den ruhenden Pol bildet. Niemand kann erahnen, zu welchen Verrücktheiten es ohne seinen moderaten Einsatz noch kommen würde. Insgesamt eine herzerwärmende Inszenierung von Horst Johanning, spritzig und witzig und doch mit Tiefgang. Ein Glanzstück des Boulevards. Aufführungen bis zum 19.2.2012, Tel. 0228-632307 |
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Ein Feuerwerk wider den tierischen Ernst „Die zehn Tenöre“ auf Deutschlandtournee Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Kreischende Damen jüngeren und mittleren Alters: Was haben „Die zehn Tenöre“, das Andere nicht haben? Ist es ihr sorgfältig ausgewähltes Programm zwischen Klassik und Pop aus Platons idealtypischen Tenorhimmel? Oder eher die gelungene Mischung aus Kammerchor und Boy Group, die die Zuhörer(innen) zu Begeisterungsstürmen antreibt? Man muss es ihnen schon lassen, den Sängern von Down Under, die im Rahmen ihrer einmonatigen „Double Platinum“-Deutschlandtour ihr vielseitiges und gut aufeinander abgestimmtes Repertoire präsentieren: Freunde von Traurigkeit sind sie nicht und hätten den Aachener Orden wider den tierischen Ernst allemal verdient mit ihrer australischen Art, auf ihr Publikum zuzugehen und ihm ein ungewöhnliches Gruppen-Klangerlebnis seh- und hörgerecht zu ermöglichen. Verwunderlich dabei jedoch ist, dass es in der Mehrzahl durchaus ernste Stücke sind, die sie in ständig wechselnden choreografischen Aufstellungen vortragen und damit zusätzlich eine enorme Bühnenpräsenz unter Beweis stellen. Wunderbar in seinem dramatischen Ernst „Il Gladiatore“ als Einstieg in den Abend, wobei die Sänger nacheinander in Erscheinung treten und das Publikum auf ihre Stimmgewalt einstimmen. „We’ll have a great time together“, heißt es dann prophetisch in einer der kurzen Ansagen. Und diese Voraussicht bestätigt sich bereits im anschließenden „The Boxer“ von Simon und Garfunkel. Oder danach im leise verhallenden „Bring him home“ von Alain Boublil. Und selbst religiöse Anklänge kommen nicht zu kurz wie das feierlich-sakrale „Pie Jesu“ von Andrew Lloyd Webber oder Leonhard Cohens ausdrucksstarkes „Halleluja“. Als klassisch ausgebildete Sänger kennen sich die zehn Tenöre natürlich auch auf der Opernbühne bestens aus: in Verdis La Traviata mit dem stimmungsvollen „Anvil Chorus“ oder mit dem hinreißend vorgetragenen „Nessun dorma“ aus Puccinis Turandot. In diesen von Steven Baker arrangierten und orchestrierten Stücken wachsen die Interpreten geradezu über sich hinaus. Und dann wieder ganz andere Ohrwürmer wie „En Aranjuez con tu Amor“ von Joaquin Rodrigo, „Bohemian Rhapsody“ von Freddie Mercury, „Wind of change“ von Klaus Meine und „Anything for Love“ von Jim Steinman. Oder: „I don’t want to miss a thing“ von Diane Warren sowie „Angel“ von Sarah McLachlan und schließlich „The Show must go on“ von Queen. Wer wollte es den Sängern da verdenken, den Saal mit einem Potpourri aus den achtziger Jahren erneut zum Kochen zu bringen? Und nicht zuletzt mit der gefühlvoll vorgetragenen „Waltzing Mathilda“, der heimlichen Nationalhymne Australiens, bei der sich ein vermeintlicher Schafsdieb lieber ertränkt, als sich gefangen nehmen zu lassen. Und da nach diesem außerordentlichen Musikerlebnis niemand den Saal des Bonn-Beueler Brückenforums verlassen will, bedarf es eines wohl gemeinten „Hey Jude, don’t be afraid“ von John Lennon und Paul McCartney, in dessen rhythmisches „Lalalala“ auch das Publikum musikalisch eingebunden wird. Ein wunderbarer Abend – und die Fans der Gruppe, angereist aus Holland und Deutschland, machen sich schon auf den Weg zum nächsten Konzert der zehn Tenöre. |
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Feuerwerksmusik zum Jahreswechsel Das Mitteldeutsche Kammerorchester in der Kölner Philharmonie Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Zum Beispiel in den jubilierenden Fanfaren und energisch punktierten Rhythmen des Ouvertüren-Mittelteils, der an den Anlass des Feuerwerks-Spektakels im Londoner Green Park erinnert: das Ende des Spanischen Erbfolgekrieges, an dem England siegreich beteiligt war und dieses glorreiche Ereignis mit einer sinnlichen Überhöhung beging. Freude ist demnach angesagt, von der besonders im scherzhaften Suitensatz „La Réjouissance“ eine geradezu ansteckende Wirkung ausgeht. Nicht weniger hinreißend gestaltet sich Händels Orgelkonzert op.4 Nr. 4 F-Dur. Einprägsam gibt die Orgel im einleitenden Allegro das Thema vor, wobei David Timm, betraut mit der musikalischen Leitung und dem Cembalo-Part des Abends, sich auch als einfühlsamer Organist erweist. Stets in präzisem Zusammenspiel mit dem Orchester, wobei Konzertmeister Andreas Hartmann naturgemäß die Koordinierungsfunktion übernimmt. So steht bei spielerischer Leichtigkeit die Balance zwischen Orchester und Soloinstrument stets außer Zweifel. Da das Werk bei aller in ihm angelegten Farbigkeit jedoch nicht sämtliche Vorzüge einer großen Konzertorgel demonstrieren kann, kündigt Timm – ein vielfach bei Improvisationswettbewerben ausgezeichneter Organist – augenzwinkernd die Jazz-Version eines „fast vergessenen Stücks“ von Johann Sebastian Bach an - und überrascht mit nichts Geringerem als der hinlänglich bekannten d-Moll Toccata, die er in einem ungewohnten rhythmischen Sound zu einem neuen Hörerlebnis hochstilisiert. Nach einem knalligen Schlussakkord ist ihm frenetischer Beifall dafür sicher. Die Wertschätzung Bachs war bereits zu Beginn des Konzertabends mit seiner Orchestersuite Nr. 3 deutlich geworden. Hier beeindruckt besonders die Gegensätzlichkeit der ersten beiden Sätze: zum einen die Ouvertüre, in der bei überschwänglichem Einsatz von Pauken und Trompeten die Erde zu beben scheint. Und zum anderen das streicherbetonte „Air“, bei dem unter Verzicht auf die Bläser eine lyrisch-besinnliche Stimmung herbeigezaubert wird. Mit Joseph Haydn schließlich wird die Programmauswahl des Abends komplettiert. Als besonderer Leckerbissen erweist sich die Sinfonia concertante für Violine, Violoncello, Oboe, Fagott und Orchester B-Dur. Ein Werk, bei dem in allen drei Sätzen die Soloinstrumente vor dem Orchesterhintergrund miteinander kommunizieren. Geradezu belebend im einleitenden Allegro die gewohnte Spritzigkeit Haydns, wenn sich die Sologeige (Andreas Hartmann) mit einem betörenden Thema herausschält und Oboe (Brigitte Horlitz), Fagott (David Mathe) und Violoncello (Nikolaus Gädeke) einfädeln zu einem bezaubernden Solistenquartett. Erstaunlich, zu welcher musikalischen Qualität das Mitteldeutsche Kammerorchester inzwischen herangereift ist. Im Jahr 1987 als studentisches Ensemble in Weimar entstanden, hat es sein Repertoire ständig erweitert und stellt bei zahlreichen Gastauftritten seine Vielseitigkeit unter Beweis. So bereits mehrfach in der Kölner Philharmonie, wo es wie an diesem Abend im Rahmen der Kontrapunkt-Konzerte „Metropolen der Klassik“ auf ein begeistertes Publikum trifft. Bemerkenswert schließlich auch das Multitalent David Timm (Foto). Als einstiges Mitglied des traditionsreichen Leipziger Thomanerchores und nach seiner Ausbildung zum Organisten glänzt er vom Improvisator bis zum Dirigenten in den unterschiedlichsten Sparten des Musik- und Konzertgeschehens. Und dafür bleibt er auch an diesem Kölner Konzertabend den Beweis nicht schuldig. |
Mozart und Schubert im Dialog Das Mozarteumorchester Salzburg in der Kölner Philharmonie Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel
Gefangen im Labyrinth der Leidenschaften Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“ in der Bonner Oper Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel
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„Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945“ Ausstellungseröffnung im Haus der Geschichte durch Bundespräsident Christian Wulff Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Der sowjetische Panzer vom Typ T-34 gehört ebenso dazu wie der bemalte „VW Bulli“ aus der Zeit der Hippie-Bewegung. Das Wrackteil des über der Sowjetunion abgeschossenen amerikanischen Spionageflugzeugs U2 ebenso wie die Original-Sitzbank aus dem Wankdorf-Stadion, die an das „Wunder von Bern“ erinnert. Insgesamt 7000 Objekte umfasst die Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im Bonner Haus der Geschichte, davon 3000 völlig neu oder zu sehen in neuen Zusammenhängen. Eine Fundgrube zu Teilung und Kaltem Krieg, zu Mauerfall und Wiedervereinigung. Die Originalobjekte werden dabei anschaulich in Szene gesetzt, um auf 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche mit vielen interaktiven Stationen deutsche Zeitgeschichte zu erzählen. Diese ist, wie das Ausstellungskonzept zeigt, eingebettet in globale Zusammenhänge. So wird deutlich, wie der Kalte Krieg und die Globalisierung sich auf die deutschen Teilstaaten auswirkten und auch das wiedervereinigte Deutschland beeinflussen. Und nicht zuletzt wird der individuelle Aspekt der neueren deutschen Geschichte mit zahlreichen biografischen Zeugnissen beleuchtet, hautnah und zugleich emotional. Dabei werden die Ereignisse der Jahre 1989/90 vollständig neu präsentiert, um aktuelle Erkenntnisse der Geschichtsforschung und Neugewichtungen zeithistorischer Ereignisse angemessen zu berücksichtigen. Neu sind auch das militärische Engagement der Bundeswehr im Ausland sowie die Lebensverhältnisse von Migranten in Deutschland. So ist die Ausstellung mit ihren dreidimensionalen Objekten, Dokumenten, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen anschaulich konkret und bleibt mit ihrer Neugestaltung am „Puls der Zeit“. Nicht zuletzt weil auch kontinuierliche Besucherbefragungen in die Neukonzipierung mit einbezogen wurden. Eine mehr als dreijährige Planungs- sowie eine achtmonatige Bauphase waren der Ausstellungseröffnung am Verfassungstag, dem 23. Mai 2011 vorangegangen. Wie Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Präsident der „Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ in seiner Begrüßungsrede rückblickend feststellte. Ein Einsatz von mehreren hundert Beteiligten, der – spätestens mit dem neuen Ausstellungskatalog Anfang 2012 – ein anderes Geschichtsbild präsentiere als noch die heutigen Lehrbücher an Schulen und Universitäten. Bei allen Höhen und Tiefen der Nachkriegsentwicklung jedoch sei die deutsche Geschichte insgesamt eine Erfolgsgeschichte: „Wir leben in einem tollen Land“, betont Bundespräsident Christian Wulff in seiner Eröffnungsrede und sieht darin ein Verdienst ganz vieler. Angefangen bei der „gigantisch großen Leistung“ der Verfasser des Grundgesetzes, die den Mut hatten, neu zu beginnen aus dem Dunkel der Geschichte heraus in eine helle Zukunft hinein. Geschichte habe sich dabei in der Tat nicht als ein „gemütlicher Themenpark“ erwiesen, denn stets sei sie, bis in die Gegenwart hinein, auch „Begegnung mit den Leidenschaften und Kämpfen eines Gemeinwesens“. Nein, die Zukunft der Demokratie werde uns nicht geschenkt. Auf der Grundlage eines gemeinsamen verbindenden Bandes und bei Anerkennung gemeinsamer Regeln mache Verschiedenheit uns stark. Daher solle eine gegenseitige Wertschätzung ernst genommen werden. Denn „was wir heute tun wird darüber entscheiden, was in der Geschichte über uns erzählt wird“. Und genau diese Version wird dann sicherlich irgendwann einmal im Haus der Geschichte nachzulesen sein. |
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Museen als kollektives Gedächtnis Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft eröffnet den Internationalen Museumstag 2011 Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Was haben die Gutenbergbibel, Goethes literarischer Nachlass, Beethovens Neunte, das Nibelungenlied und der Film „Metropolis“ miteinander gemein? Die Australierin Roslyn Russell, Präsidentin des UNESCO-Weltdokumentenerbes, hat den langen Weg nach Bonn auf sich genommen, um auf diese Frage eine offizielle Antwort zu geben: Diese hochkarätigen Werke deutscher Kultur gehören zu den elf Einschreibungen, mit denen Deutschland im „Weltregister der Menschheit“ vertreten ist. Konkreter Anlass für Ausführungen wie diese ist der diesjährige Internationale Museumstag, der durch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in ihren Eigenschaften als Bundesratspräsidentin und zugleich Schirmherrin feierlich eröffnet wurde. In Anlehnung an das Motto „Museen, unser Gedächtnis!“ würdigte sie die ausgesprochen reichhaltige internationale und besonders die deutsche Museumslandschaft als einen Schatz, der der besonderen Pflege bedürfe. So „wäre es fatal, einen kollektiven Gedächtnisschwund entstehen zu lassen“, weswegen die Bundesländer diesem kulturellen Schatz besonders verpflichtet seien. Es gehöre zu ihren Aufgaben, dafür zu sorgen, dass möglichst viele „mit dem Kulturgut Museum vertraut gemacht“ würden. Und dies beinhalte nicht zuletzt den freien Eintritt für Kinder und Jugendliche, eine Forderung, die offensichtlich bei den Zuhörern auf allgemeine Zustimmung stieß. Dr. Lothar Jordan, Vorstandsmitglied im International Council of Museums (ICOM) pflichtete ihr bei mit der Feststellung, dass Museen die verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen hätten, die „Vergangenheit den Menschen der Zukunft zur Verfügung zu stellen“. Eine Aufgabe, die bei der unglaublichen „Museumsdiversität“ in Deutschland auch weitgehend wahrgenommen werde, wie die Direktorin des LVR-Landes-Museums Bonn, Dr. Gabriele Uelsberg, beteuerte. Nur müsse im Bewusstsein der Bevölkerung noch eine größere „Barrierefreiheit“ vermittelt werden. Dieses könne beispielsweise dadurch geschehen, dass „nicht nur die Menschen ins Museum, sondern die Museen zu den Menschen kommen“. Bereits zum 34. Mal fand am 15. Mai 2011 der weltweite Internationale Museumstag (IMT) statt. Daran beteiligten sich allein im Land Nordrhein-Westfalen 180 Museen, davon nicht weniger als 150 aus dem Rheinland. Er wurde ausgerichtet vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), der – neben vielfachen weiteren Aufgaben - auch die Trägerschaft von elf Museen am Rhein übernommen hat. Darunter das LVR-LandesMuseum Bonn, gegründet im Jahr 1820 und damit ältestes Museum der Region. So war es naheliegend, im Anschluss an die Eröffnungsfeier an einer Führung durch die Sonderausstellung „Elefantenreich. Eine Fossilwelt in Europa“ teilzunehmen. Sie führt hinein in die faszinierende Welt vor 200.000 Jahren, als mitten in Europa die im Museum nicht unbekannten Neandertaler auf Nashörner, Büffel und Höhlenlöwen trafen. Und erstaunlicherweise auch auf Elefanten, so Museumsdirektorin Uelsberg. Mit den Mammuts seien sie Nachfahren der mächtigen Mastodons. Während die Elefanten jedoch überlebt und sich evolutionär weiterentwickelt hätten, seien die Mammuts wegen der für sie unerträglich steigenden Temperaturen ausgestorben. Als besonders beeindruckend erweist sich das in der Eingangshalle aufgebaute Prunkstück der Ausstellung. Es ist die naturgetreue Rekonstruktion eines altsteinzeitlichen Waldelefanten, der mit fast vier Metern Rückenhöhe die heutigen Kolosse sogar noch um ein Drittel überragt. Ein Blickfang besonders für Kinder bis hinunter zu den Kleinsten, die - wie selten zuvor - diese Ausstellung für sich entdeckt haben. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr; www.landesmuseum-bonn.lvr.de |
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Nostalgisches Jubiläumsprogramm 35 Jahre „Circus Roncalli“ Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
Es ist ein Circus wie aus dem Märchenbuch. Und schon im Mai 1976, bei der Welturaufführung in Bonn, jubelten die Zeitungen: „Der Circus ist tot. Es lebe der Circus!“ Nun ist sie zurück, die damals “größte Poesie des Universums“ und begeht an ihrem Bonner Ausgangspunkt bis zum 22. Mai 2011 mit einem großen Jubiläumsprogramm ihren 35. Geburtstag. Mit einer atemberaubenden Manegen-Inszenierung schreibt Roncalli Direktor Bernhard Paul nun ein neues Roncalli-Märchen voller Nostalgie und Poesie. Denn Höchstleistungen allein reichen ihm nicht aus: „Erst die verbindende Dramaturgie, das poetische Geschichten-Erzählen und die harmonische Einheit von Artistik und Musik machen das perfekte Programm aus.“ So ist, wie bei all den früheren Programmen, auch das diesjährige Jubiläumsprogramm gespickt mit circensischen Höhepunkten. In den Rang seines Nachfolgers als einstiger Clown „Zippo“ hat Paul den Komiker David Larible erhoben. Ein preisgekrönter Star unter den Clowns, der allein mit seinem großartigen komödiantischen Talent das Publikum auch ohne Ausstattung mit Requisiten zum begeisterten Lachen bringt. Herrlich amüsant seine Opernnummer, in der er die Illusion schafft, die drei aus dem Publikum ausgewählten Gäste würden die eingespielten Opernarien auch tatsächlich singen. Oder der mimische Dialog mit einem Jungen, die sich beide einen Spaß daraus machen, Ex-Bundesminister Norbert Blüm in der Parkett-Loge mit Wasser zu besprühen. Auch wenn „Roncalli“ in der Anfangsphase ohne Tiere auskam: Nun sind sie da, die wunderbar rassigen Araber- und Friesenhengste des ungarischen „Pferdepapstes“ Florian Richter, der mit seinen Pferdephantasien bereits in Monte Carlo beim internationalen Circusfestival mit der höchsten Auszeichnung, dem Goldenen Clown, geehrt wurde. Demgegenüber überrascht seine Gattin, Edith Richter, mit der nur noch selten auf der Welt zu bestaunenden temperamentvollen Dressur der „Ungarischen Post“. Als äußerst kraftvoll erweisen sich die beiden zierlich wirkenden spanischen Azzario Sisters, die mit absoluter Körperbeherrschung und doch charmanter Leichtigkeit in ihren Balanceakten die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben scheinen. So wie auch der bulgarische Athlet Encho Keryazov, der seinen perfekt geformten Körper mit seinen wie Säulen wirkenden muskelbepackten Armen in alle (un-)möglichen Positionen wuchtet. Formvollendete Ästhetik bietet auch das Moskauer Akrobatenduo Bobrov in seiner poetischen Luft-Oper am schwingenden Vertikal-Seil, bei der in einer anrührenden Liebesgeschichte Vitaly Bobrov seine Frau Oxana gefühlvoll durch die Lüfte trägt. Eine Luftnummer anderer Art bietet dagegen Shirley Larible, 21 Jahre junge Tochter des Clowns, die mit enormer Kraftanstrengung zwischen zwei Fußschlingen, Strapaten genannt, in den hohen Circushimmel aufsteigt. Als „Herr der Bälle“ erweist sich Balljongleur Jemile Martinez, der fünf Fußbälle gleichzeitig in der Luft hält. Dagegen gelingt es dem äußerst biegsamen russischen Artisten Andrey Romanovsky, sich zusammengefaltet wie eine lebende Marionette in einem senkrechten Rohr verschwinden zu lassen, um kurze Zeit später an dessen unterem Ende wieder in voller Größe zu erscheinen. Insgesamt also ein Circuserlebnis, das die hochgesteckten Erwartungen voll erfüllt. Musikalisch dazu phantasievoll begleitet vom „Roncalli Royal Orchestra“ unter der Leitung Georg Pommer, das vom Trommelwirbel bis zum Tremolo stets den richtigen Ton trifft. Und dass sich der Siegeszug des „Circus Roncalli“, dem alljährlich eine halbe Million Besucher zujubeln, auch in Zukunft fortsetzt, dafür sorgen nach dem damaligen Start in Bonn nicht zuletzt die jungen Künstler der zweiten Generation aus der Familie Paul, die inzwischen längst zum bunten Bild in der Manege dazu gehören. Infos und Tickets: 01805-224522, bis 22. Mai 2011 an der Bonner Beethovenhalle Dia-Show hier... |
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Wasserwelt und Erdenwelt Begeisternde „Rusalka“ in der Oper Bonn Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Wo Wasserwelt und Erdenwelt unvermittelt aufeinander prallen, ist – wie jüngste Beispiele zeigen – Zerstörung angesagt. Selbst die Opernwelt kann ein Lied davon singen. Zum Beispiel in Anton Dvoraks Oper „Rusalka“, als „Lyrisches Märchen in drei Akten“ die tschechische Version des in der europäischen Kulturgeschichte weit verbreiteten „Undine“-Stoffes. Die Oper Bonn hat sich in ihrer neuesten Produktion dieses Werkes angenommen und feiert damit einen ihrer größten Erfolge. Das Bühnenbild wird beherrscht von dem sorgenvoll in sich kauernden Abbild des Wassermanns (Renatus Meszar). Mit seinen eindrücklichen Mahnungen gelingt es ihm nicht, die Wassernixe Rusalka, bezaubernd dargestellt von Irina Oknina, davon abzuhalten, das feuchte Element zu verlassen, um sich einem irdischen Prinzen (George Oniani) in Liebe hinzugeben. Bei aller Hilfestellung durch die Hexe Jezibaba (Daniela Denschlag) ist sie, der hingebungsvolle Dreh- und Angelpunkt der Handlung, bei ihrem Landgang schließlich doch nur halb Fisch und halb Fleisch. Ein Umstand, den eine fremde Fürstin (Anjara I. Bartz) am Tage der geplanten Hochzeit rücksichtslos ausnutzt, um den Prinzen für sich zu gewinnen. Mit diesem Anfang vom Ende der Liebesbeziehung beginnt der von der Hexe ausgehende Fluch zu greifen: „Halb zieht sie ihn, halb sinkt er hin“ – und schließlich ist es um beide geschehen. Eine rührend-romantische Handlung, die entfernt an die Königskinder erinnert, die ebenfalls nicht zueinander kommen konnten, weil das Wasser „viel zu tief“ war. Und genau diesen Umstand bringt das märchenhafte Bühnenbild von Helmut Stürmer zum Ausdruck, in dem die Wassersymbolik in ständig neuen Variationen den beredten Rahmen bildet. Zum Beispiel wenn sich der Wassermann vor seinem Auftauchen aus der Tiefe stets mit blubbernden Blasen ankündigt. Oder die Wellen sich über das Ufer erheben und den sie begrenzenden Wald zu überfluten drohen (Licht: Max Karbe). Und es sind gleich drei Kabinettstückchen, die vom Libretto und der Regie in die Rahmenhandlung eingeflochten werden. Allen voran die drei Waldnymphen (Vardeni Davidian, Kathrin Leidig, Lisa Wedekind), die - vergleichbar den Rheintöchtern in Wagners „Rheingold“ - einen umwerfend verführerischen Charme auf die Bühne bringen. Sodann das ungleiche Paar des Försters (Boris Beletskiy) und des Küchenjungen (Susanne Blattert), die sich in den dunklen Wald zum Hexenhaus hinaus wagen und dabei in ihrer Angst schier vergehen. Ausgeliefert einer ohnmächtigen Hilflosigkeit, die sie zu Boden wirft und dort in Angststarre verharren lässt. Und nicht zuletzt der Kater (Stefanie Ostheimer), mit dem sich die Hexe umgibt. Mit seinen ausdrucksvoll eleganten Bewegungen stets ein Blickfang, selbst wenn kein Ton über seine Lippen kommt. Auch er, wie alle anderen illustren Gestalten (Choreographie: Bärbel Stenzenberger) bekleidet mit einem wunderbar aussagestarken Kostüm (Dieter Hauber, Karin Stephany) und dazu einer Maske, deren durchdringender Blick jeden Betrachter bis in seine (Alb-)Träume verfolgen muss. Insgesamt eine äußerst gelungene weil stimmige Inszenierung von Mark Daniel Hirsch, der auch die musikalische Leistung des Beethoven Orchesters Bonn unter der Leitung von Jaroslav Kyzlink sowie der Chor des Theater Bonn (Choreinstudierung: Ulrich Zippelius) in nichts nachsteht. Nicht zu vergessen die sprachliche Leistung, die bei einer Aufführung in der tschechischen Originalversion von den Sängern erbracht werden muss (Sprach-Coaching: Eva Randova). Eine Gesamtleistung, die durch den frenetischen Beifall des Publikums reichlich belohnt wird. |
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Konzertsaal als Opernbühne Wagners „Parsifal“ in der Kölner Philharmonie Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Heiligkeit und Sünde bilden den Gegensatz der beiden Welten, die in Wagners „Parsifal“ unvermittelt aufeinander prallen. Einerseits die Gralswelt, in der das Gute gleichbedeutend ist mit der absoluten Keuschheit, der sich die Gralsritter durch ihr Gelübde unterworfen wissen. Andererseits Klingsors Zauberschloss als Gegenwelt, in der die Ritter in „Klingsors Schlingen“ hineinzugeraten drohen, indem sie den im Zaubergarten bereit gehaltenen sexuellen Verführungen erliegen. Ein Konflikt ganz im Sinne des Dualismus zwischen Gottesreich und Menschenreich, wie ihn Theologen von Augustinus über Thomas von Aquin bis hin zu Martin Luther bereits herausgearbeitet hatten? Sicherlich nur ansatzweise. Zwar greift Wagner in seinem „Bühnenweihfestspiel“ auf biblische Motive wie das göttliche Erlösungswerk am Karfreitag zurück. Mit dem Heiligen Gral, der Heiligen Lanze und der Überwindung der Sexualität setzt er jedoch eigene Schwerpunkte. Mit seiner Betonung mythischer Symbole und der in ihnen verborgenen tiefen Wahrheit unternimmt er gar den Versuch, auf dem Wege der Kunst „den Kern der Religion zu retten“, wo diese bereits künstlich geworden sei. Eine Blasphemie gegenüber der traditionellen christlich-abendländischen Religion? Was jedoch bei aller Kritik an seinem Werk beeindruckt, ist die Sphäre des Weihevollen, in die Wagner die dem Wolfram von Eschenbach entlehnte Handlung musikalisch einbettet. So sprengt der „Parsifal“, dessen letzter Akt inhaltlich einem Karfreitag zugeordnet ist, den Rahmen einer Oper und einer üblichen Opernaufführung. Vielmehr wird er zelebriert wie ein Gottesdienst, wobei das emotionale Ergriffensein der Wagner-Gemeinde durchaus intendiert ist. Und auch bei der Aufführung in der Kölner Philharmonie vorzüglich gelingt. Dies in einem Maße, dass das Publikum im Anschluss an den Schlussakkord nach langer Pause der Betroffenheit überspringt in frenetischen Jubel. In eine Begeisterung, die wohl dem Bewusstsein entspringt, soeben Zeuge einer außergewöhnlichen Aufführung geworden zu sein. Und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Einmal wegen der außerordentlichen Leistung des Gürzenich-Orchesters Köln. Unter der musikalischen Leitung seines Dirigenten Markus Stenz gelang es ihm, die gesamte Bandbreite Wagnerscher Musik zwischen weihevoll-ätherischer Feierlichkeit und opulent-orchestraler Fülle zum Ausdruck zu bringen. Eine begeisternde Vielfarbigkeit, in die sich der Chor der Oper Köln (Einstudierung: Andrew Ollivant) in musikalischer Augenhöhe einfügt. Zum anderen wegen der durchweg brillanten Leistungen aller Gesangssolisten: wunderbar einfühlsam Robert Holl als Gurnemanz, Franz Grundheber als leidender Amfortas und Franz Mazura (Debüt 1949!) als Titurel in seiner seit Bayreuther Zeiten bewährten Rolle. Ausgesprochen überzeugend auch Bassbariton Samuel Youn als samuraihafter Klingsor, der seine Boshaftigkeit und Skrupellosigkeit durchweg engagiert zum Ausdruck bringt. Als größte Überraschungen jedoch erweisen sich die Sopranistin Evelyn Herlitzius als leidenschaftliche Kundry und Tenor Marco Jentzsch, der sich – entsprechend seiner Titelrolle – vom „reinen Tor“ bis zum Gralshüter stimmlich auf geradezu unglaubliche Weise steigert. Zu einem der Höhepunkte gerät dabei die Verführungsszene in Klingsors Zaubergarten, wo nach den bezaubernd musizierenden Blumenmädchen auch Kundry mit ihren sexuellen Attacken an den höheren Werten Parsifals abprallen muss. Und schließlich ist es die Kölner Philharmonie selbst, die sich, trotz konzertanter Aufführung, mit einfachen Mitteln der Regie in eine Opernbühne zu verwandeln imstande ist. So kommt während der gesamten Aufführung zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, gegenüber einer „normalen“ Opernaufführung im Nachteil zu sein. Insgesamt demnach ein in jeder Hinsicht überaus gelungenes Konzerterlebnis, bei dem einmal mehr das hohe musikalische Niveau der Kölner Oper erkennbar wird. www.operkoeln.de; www.koelner-philharmonie.de Foto: Kölner Philharmonie |
Russische Ausnahmewerke in der Kölner Philharmonie Die Staatskapelle Dresden spielt Tschaikowsky und Schostakowitsch Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Wer steht im Vordergrund bei diesem rundum ungewöhnlichen Konzert in der Kölner Philharmonie: Sind es die Interpreten des Abends, die renommierte Staatskapelle Dresden mit ihrem jungen Dirigenten Vladimir Jurowski (Foto links) sowie dem an Virtuosität kaum zu übertreffenden Star-Geiger Sergej Krylov (Foto rechts)? Oder eher die beiden Ausnahmewerke der russischen Musikliteratur von Peter Tschaikowsky und Dmitri Schostakowitsch, die das Publikum zu Beifallsstürmen hinrissen? Kurz nach seiner Entstehung war Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester D-Dur von dem vorgesehenen Uraufführungsinterpreten noch für unspielbar erklärt worden. Und als es dann doch zur Aufführung gelangte, vollzog Eduard Hanslick, der auch Bruckner und Wagner mit seiner penetrant zerstörerischen Kritik heimsuchte, eine öffentliche Hinrichtung des Werkes. Das zu den heute beliebtesten und meistgespielten Konzerten der romantischen Literatur zählende Werk konfrontierte er damals mit der Frage, „ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört“. Wie abwegig eine solche Kritik war und ist, bewies der Solist Sergej Krylov, der auf seiner singenden Stradivari aus dem Jahr 1734 dem schwierigen Werk nicht nur technisch gerecht wurde, sondern es darüber hinaus zu einem faszinierenden Klangerlebnis ausgestaltete. So im einleitenden Allegro moderato mit seinem kantilenenhaften Thema. Ein Satz, der gespickt ist mit Doppelgriffen und in der Kadenz nicht nur mit markanten Glissandi aufwartet, sondern zudem mit unglaublich hohen Tönen imponiert. Es folgt die ausdrucksstarke Canzonetta, die vor allem im Zusammenspiel mit anderen Soloinstrumenten wie der Klarinette in einem fast unhörbaren Pianissimo versinkt. Um dann wieder im schnellen und lebhaften Finalsatz das Temperament der russischen Folklore zum Ausdruck zu bringen, der Tschaikowsky stets eine „wunderbare Schönheit“ attestiert hatte. Mucksmäuschenstill wie nur selten war es im Zuschauerraum auch bei der Zugabe. Nichts Geringeres als die Toccata und Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach hatte Krylov dazu mitgebracht, transkribiert von Orgel auf Violine solo. Deutlich hörbar der ständige Manualwechsel sowie die Melodieführung vor dem Hintergrund der Begleitstimmen. Eine bislang nie gehörte musikalische Meisterleistung. Auch die Sinfonie Nr. 4 c-Moll von Dmitri Schostakowitsch stellt sich nach der Pause als ein Ausnahmewerk dar. Es ist dies die große Stunde (!) der Staatskapelle Dresden, deren Dirigent Vladimir Jurowski sich des umfassenden Werkes mit Leidenschaft annimmt und schließlich die Partitur gleich einer heiligen Monstranz dem Auditorium bewundernd vor Augen führt. Immerhin war es zur Zeit der großen stalinistischen „Säuberung“ für lange Zeit in der Versenkung verschwunden, da der Komponist befürchten musste, den offiziellen Geschmack jener Zeit nicht richtig getroffen zu haben. Und ein Menschenleben galt damals nicht viel. Angst ging auch um in der gesamten russischen Musikwelt, sodass der damalige Direktor der Leningrader Philharmonie dem Komponisten den Verzicht auf die Uraufführung nahelegte. Insgesamt Attacken auf ein Musikstück, das Schostakowitsch dann in erzwungenem vorauseilendem Gehorsam selbst als misslungen, unvollkommen in der Form und zu lang beschrieb. Eine Selbstkritik die angesichts der heute erkennbaren wahren Größe des Werkes unverständlich bleiben muss. Wie bei der Uraufführung im Jahr 1961, 25 Jahre nach der Entstehung, fand sich der Hörer allerdings nicht sofort zurecht „in dem Labyrinth oft komplizierter Gedanken“, wie ein Zeitzeuge damals bemerkte. 120 Orchestermusiker sind erforderlich, um die eigenartige Mischung aus brutalen Kampfmärschen, grotesken Tanzsätzen, melancholischen Walzern und Trauermärschen Gestalt annehmen zu lassen. Dabei unterstreichen abrupte Brüche und harsche Stimmungswechsel die unglaubliche Dynamik, die diesem Werk innewohnt. Aber auch die wunderschönen musikalischen Feinheiten, beispielsweise im Mittelsatz Moderato con moto, kommen dabei nicht zu kurz, bevor sie schließlich im finalen Largo-Allegretto wie von einer Springflut überrollt werden. Ein Meisterwerk, ohne Zweifel – und wie Tschaikowskys Violinkonzert ein Werk mit Ausnahmecharakter. Zu dieser Beurteilung trugen zweifellos auch die Interpreten des Abends ihren Teil bei. |
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Der überführte Verführer Mozarts „Don Giovanni“ in der Oper Bonn Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Wenig taktvoll bemüht Leporello (Martin Tzonev) die Statistik und bringt mit seiner „Registerarie“ die eifersüchtige Donna Elvira (Julia Kamenik) zur Weißglut. Doch was schert den leichtlebigen Don Giovanni (Aris Argiris) bei seiner feuchtfröhlichen „Champagnerarie“ das Los der von ihm verführten Frauen? Treue wäre in seiner Gedankenwelt ja geradezu ein Vergehen gegenüber all denen, die er dann nicht hätte beglücken können – laut Leporello insgesamt um die 1800. Ein Frauenversteher ist er demnach nicht. Oder doch? Die Wiederaufnahme von Mozarts „Don Giovanni“ in der Inszenierung von Klaus Weise erweist sich als ein gelungenes Come Back des Publikumslieblings Aris Argiris, dem die Rolle des skrupellosen Verführers auf den Leib geschrieben ist. Spritzig, ausgelassen und ungebändigt bahnt er sich seinen Weg durch die Welt der Frauen und beherrscht dabei die Tricks der Verführung meisterlich. Zum Beispiel in dem zauberhaften Duettino mit der im Brautgewand auftretenden Zerlina (Judith Gauthier), die er – nicht ganz erfolglos – dem Bräutigam Masetto (Giorgos Kanaris) auszuspannen versucht. Mit der schlichten und eingängigen Melodie „Reich mir die Hand“ wird der Coup vorbereitet, bei dem sich der Verführer musikalisch gekonnt auf das eher schlichte soziale Niveau der Braut einstellt und damit in ihren Gefühlen zweifellos Verwirrung stiftet. Komplizierter und spannungsvoller dagegen ist sein Verhältnis zu Donna Anna (Hale Soner). An der Oberfläche sucht sie Rache für den Mord an ihrem Vater, dem Komtur (Dmitry Ivashchenko). In ihrem Inneren jedoch scheint sie zu bedauern, dass der Verführer bei seinem Verführungs- oder gar Vergewaltigungsversuch nicht weit genug ging. Eine Spannung, die sich in der zurückhaltenden Zuneigung zu ihrem Verlobten Don Ottavio (Mirko Roschkowski) deutlich zeigt. Trotz aller Dramatik des Werkes, zu dem wie beim „Figaro“ Lorenzo da Ponte das Libretto schrieb, bleibt auch der Bonner „Don Giovanni“ eine musikalische Komödie. Denn allen Solisten gelingt es im Rahmen ihrer jeweiligen Rolle eine augenzwinkernde Distanz aufzubauen, in der öffentliche Moral und individuelle Triebe zueinander in Beziehung gesetzt werden. Bis hinein in die Schlussszene: „Dies ist das Ende dessen, der Böses tut!“ Hervorragend und inspirierend auch das Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Robin Engelen, das die Vielschichtigkeit des Werkes, seine Ironie und Aufmüpfigkeit, musikalisch zum Ausdruck bringt. Insgesamt ein Niveau das verdeutlicht, warum sich bei der anhaltenden Beliebtheit des Don-Juan-Stoffes nach Mozart nie wieder jemand an eine musikalische Neufassung herangewagt hat. Für den Zuschauer erschließt sich jedoch nicht auf den ersten Blick, warum im Eingangsteil das Ambiente einer Leichenhalle im Mittelpunkt steht. Und warum die Damen der bäuerlichen Hochzeitsfeier und der späteren Festgesellschaft in prächtigem Dessous-Outfit von ihren Partnern in Metallschubkarren an ihr jeweiliges Ziel gefahren werden. Auf solche Ungereimtheiten hätte die Inszenierung bei dem durchweg hohen musikalischen Niveau sehr wohl verzichten können. Die generelle Zustimmung zu der Gesamtleistung des Abends jedoch beweist der anhaltende Beifall, der den Solisten und dem Orchester abschließend entgegen brandet. So wird auch in Bonn der „Don Giovanni“ seinem Ruf gerecht, die „Oper aller Opern“ zu sein, die niemand auf der Bühne oder im Publikum kalt lässt. Nächste Aufführungen: 6. und 13. Februar 2011. |
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Ägyptische Zeitreise ins christliche Abendland Umjubelte „Aida“-Premiere in der Kölner Oper Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Dies ist einer der Kunstgriffe in der Inszenierung von Johannes Erath, mit denen er die Menschenmassen kanalisiert, die neben den Gesangssolisten auch den Chor und Extrachor der Oper Köln, die Statisterie der Bühnen Köln und – außerhalb des Grabens – Teile des Gürzenich-Orchesters Köln umfassen. Auch das Bühnenbild von Kaspar Glarner mit riesigen beweglichen Wandflächen, die in allen Richtungen durch den Raum schweben, unterstützt durch immer neue Konstellationen die Personenführung vom Dialog bis hin zum Massenauftritt. Zum Schluss fügen sich die Kulissenflächen zusammen zu einer Grabkammer, in der der einst triumphierend heimgekehrte Radames lebendig eingemauert wird. Als ein Opfer des klassischen Konflikts zwischen individuellen Gefühlen und Staatsräson. So macht ihn seine Liebe zur äthiopischen Prinzessin Aida (Hui Ha), gehalten als Sklavin am ägyptischen Hof, wider willen zum Verräter. Eine dramatische Entwicklung, für die Aidas Vater Amonasro (Samuel Youn) und die verschmähte Pharaonentochter Amneris (Jovita Vaskeviciute) mitverantwortlich sind. Nur eines ist verwunderlich: Warum wird die Handlung aus der ägyptischen Antike herausgefiltert und gleichsam in einer Zeitreise hinein transponiert in die christlich-abendländische Kultur? Sie lässt Oberpriester Ramfis (Mikhail Kazakov) mitsamt seiner Entourage auftreten in klerikalen Gewändern und, eingehüllt in das Kostbarste, das kirchliche Repräsentation zu bieten hat, glaubt man in Il Re, also dem Pharao, Papst Pius XII. oder – eine Kölner Spitze? – Kardinal Meisner wiederzuerkennen. Geht es Verdi demnach gar nicht so sehr um die Geschehnisse am ägyptischen Hof in Theben mit all seinen dramatischen Ent- und Verwicklungen? Oder will er mit diesen Geschehnissen eher aufmerksam machen auf das Konfliktpotential auch in seinem/unserem Kulturbereich – auf die Universalität von Krieg und Frieden, Liebe und Hass, Freiheit und Unterdrückung? Unter dieser Prämisse wäre die Kölner Inszenierung zwar nicht werkkonform, wohl aber werkgerecht. Großartig und von ihrer sängerischen sowie schauspielerischen Leistung über jeden Zweifel erhaben sind Aida und Radames ebenso wie Amonasro und Amneris. Bei ihren dramatischen Auseinandersetzungen scheint es im Raum vor Spannung förmlich zu knistern. Ergreifend vor allem die Schlussszene, in der das im Todeskampf vereinte Liebespaar eingemauert voneinander Abschied nimmt und Amneris, einem Engel gleich – mit den Seelen der Verstorbenen? – nach außen entschwebt. Auch der Chor (Andrew Ollivant) wird – an verschiedenartigen Orten mit unterschiedlichen Aufgaben betraut – den Anforderungen voll gerecht. Ebenso auch das Gürzenich-Orchester Köln, stets inspiriert von seinem Dirigenten Will Humburg, bewährt an den großen Opernhäusern der Welt, nicht zuletzt in denen von Verdis italienischer Heimat. So wurde nicht nur die Heimkehr des Radames sondern die gesamte Premiere der Kölner „Aida“ vor einem begeisterten Publikum zum Triumph einer Inszenierung, die fernab von Verona ausstrahlen wird auf die gesamte Region. |
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„Skandal“ in der Kölner Philharmonie Cameron Carpenter und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Damit jedoch ist das Phänomen Cameron Carpenter noch nicht ausreichend umschrieben. Denn inzwischen wird der aus dem Rahmen fallende Organist nicht nur als Solist, sondern auch als Komponist international anerkannt. Und nicht zuletzt wird sein Auftritt auch optisch überhöht durch selbst entworfene Bühnenkostüme, entliehen dem Glamour der Film-Musikwelten, mit denen er durch gelegentliche Ausflüge dorthin ebenfalls vertraut ist. Die zweite hohe Erwartung richtet sich auf das Orchester, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die erfahrungsgemäß der Orchestermusik vom Barock bis zur Moderne einen wunderbar leichten und dabei ungewohnt ausdrucksstarken Klang verleiht. Auch der junge Dirigent dieses Abends wird bei Preisverleihungen in Dirigentenwettbewerben als „aufregend“ und „begabt“ gefeiert. Die Maßstäbe liegen also hoch bei diesem Neujahrskonzert 2011. Und tatsächlich: Der Funke springt sofort über bei der einleitenden Ouvertüre aus der Operette „Candide“ (1956) von Leonard Bernstein. Mal mitreißend-clownesk, mal lyrisch-fließend erweist sich die von allen Instrumentengruppen ausgehende Inspiration als ein echtes Klangerlebnis. Damit ist der rote (Klang-)Teppich ausgerollt für das Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauken (1938) von Francis Poulenc. Den betritt der amerikanische Künstler mit glitzernden Swarowski-Steinen an den hohen Schuhabsätzen, die beim späteren virtuosen Huschen über die Pedaltasten besonders in den Intervall-Passagen Bewunderung auslösen. Ebenso wie die mit Nieten besetzten punkigen Lederhandschuhe, die dennoch die Geläufigkeit auf den drei vorhandenen Manualen nicht einschränken. Das einleitende Andante wirkt bei duftiger Registrierung noch verhalten. Doch wechselt das Spiel im nachfolgenden Allegro giocoso über zu kraftvollen Klängen, die andererseits bei häufig betätigtem Schwellkasten doch wieder im Zaum gehalten werden. Auffallend auch, dass es nicht beim „normalen“ Manualwechsel bleibt. Vielmehr entfaltet sich beim gleichzeitigen triomäßigen Spiel auf zwei Manualen eine überzeugende Durchsichtigkeit, technisch noch überhöht, kurz vor dem furiosen Abschluss, durch das gleichzeitige Spielen auf zwei Manualen mit nur einer Hand. In der sich anschließenden Suite für Kammerorchester „Viel Lärm um nichts“ (1918/20) des Amerikaners Erich Wolfgang Korngold bietet sich für den Dirigenten erneut die Möglichkeit, auch die einzelnen Orchesterinstrumente in ihrer Klangschönheit hervortreten zu lassen. Betörend das singende Cello im zweiten Teil, das Zusammenspiel von Bratsche und Klavier im vierten oder die klangreinen Hörner im fünften Teil. Und immer wieder die wunderbar zarten Streicher, wie sie beispielsweise im Intermezzo eine geradezu ätherische Feinfühligkeit entwickeln. Doch dann, nach der Pause, richten sich alle Sinne auf den „Skandal“ für Orgel und Orchester (2010), ein Auftragswerk der KölnMusik, das nun seine Uraufführung erleben soll. Und automatisch stellt sich die Frage: Was ist hier skandalös? Ist es der die Ohren durchdringende Ton einer Trillerpfeife gleich zu Beginn? Das bei gegenseitigem Umspielen solistisch mitgestaltende Cello oder der ungestüm-virtuose Fußeinsatz im Pedal? Nichts von alledem. Vielmehr intendiert der Komponist Carpenter „eine musikalische Illustration des Phänomens Skandal“, den er im schnelllebigen Medienzeitalter für „eine Art kollektiven Zeitvertreib“ hält. Die sich „wiederholenden Schemen“ und „typischen Erregungskurven“ von Skandalen sind es also, die er musikalisch zum Ausdruck bringen will. Vor diesem theoretischen Hintergrund entpuppt sich der anfängliche Pfeifton als die Trillerpfeife eines Polizisten, mit dem die Dramatik beginnt, die tuschelnd durch die Instrumente hindurch weitergegeben wird und sich dadurch ungehemmt ausbreitet. Doch dann, etwa in der Mitte des Stückes, ändert sich die Stimmung. Mit dem Dialog zwischen Orgel und Solocello kommt plötzlich eine reflektierende Emotionalität ins Spiel, die geeignet sein könnte mit Verständnis und Einfühlsamkeit den Skandal in gemäßigte Bahnen zu lenken. Doch der Showdown ist unvermeidlich und endet dennoch durch glaubwürdig vorgetragene Reue in einem Happy End, das Komponist wie Organist Carpenter zu einem „sinnlichen Erlebnis“ ausgestaltet. Ein Konzerterlebnis, das einmündet in den frenetischen Jubel des Publikums. Und der – nach der Sinfonietta FP 141 (1947-48) von Francis Poulenc - dann noch einmal aufbrandet bei der Zugabe des eingängigen Orpheus-Can Can von Jacques Offenbach. Welch angemessener Auftakt für das neue Konzertjahr in der Kölner Philharmonie! |
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75 Jahre Opernchor Bonn Streifzug durch die Welt der Oper Opernchöre als Wegmarken einer Chorgeschichte Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel |
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Ist es eher der Gefangenenchor aus „Fidelio“ oder der aus „Nabucco“? Der Brautchor aus „Lohengrin“ oder der Jägerchor aus dem „Freischütz“, der uns für eine kurze Zeit die Welt um uns herum vergessen lässt? Allesamt sind sie Höhepunkte der Opernliteratur, die Musikgeschichte geschrieben haben. Und dabei stets auch geeignet waren, die Herzen zu öffnen und sich ihren berauschenden Klängen hinzugeben. Die Begeisterung für diese Art von Musik bringt es sogar mit sich, dass Menschen sich ihr verschreiben und ihr an einer Opernbühne das ganze Berufsleben widmen. Was liegt da näher, sich anlässlich eines runden Chorjubiläums dieses Privilegs bewusst zu werden und – wie jetzt in Bonn - die Wegmarken der eigenen Chorgeschichte in einem ausgefallenen Programm auf die Bühne zu bringen? Genau 75 Jahre ist er nun alt, der Bonner Opernchor, der im Jahr 1935 mit der Etablierung der Sparte Oper aus der Taufe gehoben wurde. Inzwischen sogar herangereift „zu einem Chor, wie er in den deutschen Opernhäusern zu suchen ist“, wie Konrad Beikircher als kurzweiliger und informativer Moderator des Jubiläums-Festkonzerts betont. Und Kammersängerin Edda Moser, die Grande Dame der Opernliteratur und Schirmherrin der Veranstaltung, pflichtet ihm bei. Als Akteurin auf der Bonner Opernbühne hatte sie während verschiedener Gastspiele die Gelegenheit, den Chor mitgestaltend zu erleben und dabei festzustellen, wie sich – unter der Leitung von Chordirektorin Sibylle Wagner – „sein hohes Niveau immer weiter gesteigert hat“. So beginnt der Konzertabend mit Chorpartien aus der Bonner Händel-Trilogie „Saul“, „Jephta“ und „Belsazar“, die unter der heute bereits legendären Regie von Dietrich Hilsdorf den Chor aus der reinen Gesangsrolle herausgenommen und ihm eine ungewöhnlich umfangreiche choreografische Aufgabe zugewiesen hatte. Bemerkenswert auch, wie der heute mit 36 Stellen besetzte Chor bei erhöhten Anforderungen um einen Extrachor und einen Kinderchor (Leitung: Ekaterina Klewitz) erweitert werden kann. Großartiges Beispiel für diese Bühnen füllende Zusammenarbeit ist George Bizets „Les voici! Voici la quadrille!“ aus der Oper „Carmen“, die erst zu Beginn der Spielzeit Premiere hatte. Nicht weniger hinreißend auch die Polowetzer Tänze aus Alexander Borodins „Fürst Igor“, bei denen sich Opernchor und Beethoven Orchester Bonn (Leitung: Sibylle Wagner/Ulrich Zippelius) an rhythmischer Genauigkeit übertreffen. Begeisternd auch der Feuerchor aus „Otello“ und die schaurige Hexenszene aus „Macbeth“, beide von Giuseppe Verdi. Dem gegenüber überzeugt „Der Seele Heil“ aus Wagners „Tannhäuser“ als erhebender feierlicher Abschluss des offiziellen Programmteils. Ein Abend, der vor begeistertem Publikum den Beweis erbringt, welche musikalischen Schätze die Opernliteratur bereit hält, und über welchen hervorragenden Klangkörper das Opernhaus Bonn derzeit verfügt. Ein Umstand, der politischen Erwägungen entgegen gehalten werden kann, aus Kostengründen das Bonner Operngeschehen doch gleich nach Köln auszulagern. Eine Beethovenstadt ohne eigenes Opernhaus? Da wundern sich sogar die Bürger von Schilda. |
Barockes Klangerlebnis mit Überraschungen Albrecht Mayer und die Berliner Barock Solisten in der Kölner Philharmonie |
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Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel
Zum anderen die mit ihm musizierenden Berliner Barock Solisten. Ein heute weltweit renommiertes Spezialistenensemble, das seinen Ursprung bei den Berliner Philharmonikern hat und sich seit fünfzehn Jahren auf den Wogen der Alte-Musik-Bewegung zu einem unglaublichen Qualitätsniveau hinaufgespielt hat. Zu seinen Spezialitäten gehört das Musizieren auf historischen Instrumenten, die dazu beitragen, dass ihre moderne Interpretation Alter Meister nicht ins Modernistische abgleitet. Und schließlich ist es das Programm, das im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen lässt. Denn neben weniger bekannten Stücken von Bach und Telemann sind es auch unbekanntere Sprösse der Bach-Familie, die hier vorgestellt werden. Darüber hinaus Johann Goldberg, dem Bach seine berühmten Variationen widmete und der an diesem Abend mit einer Sonate für zwei Violinen, Viola und Basso continuo c-Moll als respektabler Komponist in Erinnerung gebracht wird. Bereits in der Ouvertürensuite für Streicher und Basso continuo e-Moll von Johann Bernhard Bach, einem Vetter des großen Meisters, zeigen sich die Qualitäten des kleinen, nur zwölf Musiker umfassenden Streichorchesters. Durchsichtig und blitzsauber wird hier musiziert und je nach Charakter des Satzes einschmeichelnd wie in der Ouvertüre bis spritzig wie im Fugenteil von Air 1. Dann wieder temperamentvoll in Air 2 bis virtuos bei wunderbarer Phrasierung im Gavotte en Rondeaux, dem Schlusssatz des zu Unrecht unbekannten Stückes. Mit dem Konzert für Oboe und Streicher B-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach beginnt der große Auftritt des Solisten Albrecht Mayer, der seinem Instrument die wunderbarsten Töne entlockt und sich dabei doch, wie sich bereits im einleitenden Allegretto zeigt, stets sensibel in den Streicher-Klangkörper einfügt. Im Mittelsatz Largo e mesto schwingt er sich auf zu einem unvergleichlichen nasal-kantilenenhaften Klang, als sei er im Begriff, auf diesem Wege eine Geschichte zu erzählen. In einem tänzerisch vorgetragenen Allegro moderato findet das Stück seinen begeisternden Abschluss. Wie aus einem Guss entwickelt sich auch das Zusammenspiel im Konzert für Oboe und Streichorchester G-Dur von Carl Ditters von Dittersdorf. Im Eingangssatz Allegro non molto übernimmt das Blasinstrument schnell die Führung und zündet im weiteren Verlauf mit Virtuosität und Melodienreichtum besonders in den Solopartien geradezu ein akustisches Feuerwerk. Dazu bietet auch die nachfolgende Ouvertürensuite für Streicher und zwei Hörner g-Moll von Georg Philipp Telemann ausreichend Gelegenheit. Schwungvoll wie in der einleitenden Ouvertüre und stürmisch wie in dem polnischen Satz Mourky endet das Stück in der kurzen abschließenden Harlequinade in einer wilden Jagd, bei der besonders die Cellistin Kristin von der Goltz begeisterten Applaus auf sich zieht. Dann schließlich, als Programmabschluss, eine Besonderheit der Bachinterpretation. Es ist ein Konzert für Englischhorn, Streicher und Basso continuo, im Auftrag von Albrecht Mayer arrangiert nach der Bach-Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ von Andreas Tarkmann. Die Alt-Passagen der Kantate eignen sich offenbar besonders gut für die Übertragung, da das Englischhorn als das Altinstrument der Oboenfamilie gilt. Lautmalerisch setzen sich die drei Sätze, wie bei Bach üblich, mit der vorgegebenen Thematik auseinander. Im abschließenden Allegro könnte man bei absteigendem Hauptthema das Hinabsinken des Sünders in die Hölle wiedererkennen. Ein neues Hörerlebnis, das vom Publikum mit begeistertem Applaus honoriert wird. Als Zugabe folgt eine weitere musikalische Besonderheit. Es ist das Stück „A Chloris“ von dem französischen Komponisten Reynaldo Hahn. Auch hier steht Bach Pate mit seinem berühmten Air-Thema, das Hahn als Basso ostinato seinem Stück unterlegt. Ein Ohrwurm, der Bravo-Rufe nach sich zieht. Der würdige Abschluss eines wunderbaren Abends. Foto: Kölner Philharmonie |
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Die Macht der Musik Mit Wagners „Ring“ zur Expo nach Shanghai Dr. Bernd und Cecilie Kregel im Gespräch mit dem Kölner Generalmusikdirektor und Gürzenich-Kapellmeister Markus Stenz |
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Eine der größten Überraschungen aus deutscher Sicht stellt jedoch die chinesische Einladung an die Stadt Köln dar, in diesem Zusammenhang – gleichsam als Höhepunkt des künstlerischen Rahmenprogramms - Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in Shanghai aufzuführen. Jenes monumentale Gesamtkunstwerk in vier Aufführungsteilen mit der stattlichen Anzahl von mehr als dreihundert Mitwirkenden. Diese Einladung, so macht Markus Stenz (Foto), Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Kapellmeister des Kölner Gürzenich-Orchesters deutlich, ist erwachsen aus einer drei Jahre zurück liegenden erfolgreichen Konzertreise mit seinem Orchester nach China. Bereits im März 2008 erhielt Kulturdezernent Prof. Quander dann die offizielle Einladung zu dem Gastspiel. Sicherlich eine Gelegenheit mit Ausnahmecharakter, die sich so schnell nicht wieder bietet. Denn Wagners „Ring des Nibelungen“ wird zudem das erste Mal überhaupt in der chinesischen Metropole aufgeführt. Mit Spannung wird die Reaktion des Publikums auf die Shanghai-Premiere erwartet. Kein Werk in der Opernliteratur entwickle eine ähnlich hypnotische Wirkung wie Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Und mehr noch als die einzelnen Handlungsstränge in Wagners Libretto wirke die Macht der Musik. Dies habe sich auch im frenetischen Kölner Schlussapplaus gezeigt, besonders im Anschluss an die „Walküre“ und die „Götterdämmerung“. Man hatte den Eindruck, dass das Kölner Publikum auf einer tiefen, v.a. musikalisch-emotionalen Ebene berührt werde. Und genau dieses tiefere Verständnis erschließt sich sicher auch dem Publikum in Shanghai. In jener Metropole, die als Schmelztiegel erwachsener und neugieriger Kultur vielen anderen an Dynamik und Aufgeschlossenheit weit voraus sei. Für ihn gebe es gegenwärtig „keinen magnetischeren Ort als Shanghai“. Es ist die bereits bewährte Inszenierung von Robert Carsen, die neben der Untugend des Machtmissbrauchs vor allem die Gier aufs Korn nimmt. Jene Fehlhaltung des Menschen, den die Gesetze der Natur gleichgültig lassen, selbst wenn er damit seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Es sind die universellen Themen wie der Umgang mit Macht und Ressourcen, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, Verrat und Meineid, die in Robert Carsens Produktion bildgewaltig gezeigt werden. Und dennoch lässt Carsen selbst noch in der „Götterdämmerung“ Raum für die Hoffnung auf einen Ausweg in eine lebenswerte Zukunft. Ein Riesenprojekt solchen Zuschnitts hat natürlich auch seinen Preis. Zum Glück seien Rücklagen aus früheren Zuwendungen der Stadt Köln vorhanden, und auch die chinesische Seite sei in finanzieller Hinsicht sehr entgegenkommend. Und es ist nicht allein der „Ring“, der in dem Einladungspaket enthalten ist. Hinzu kommen mehrere Aufführungen des neuen Kölner „Don Giovanni“ sowie zusätzliche Orchesterkonzerte. „Nie mehr wird es ressourcenfreundlicher, ein so umfangreiches Gastspiel durchzuführen.“ Mitte September ist es dann soweit. Am 16.-19.9 und am 21.-24.9. kommen die beiden Zyklen des „Rings“ im Grand Theatre von Shanghai zur Aufführung, einem der repräsentativsten Gebäude der Stadt. Erbaut von dem französischen Architekten Charpentier in Form eines prächtigen Kristallpalastes mit weit ausladendem Dach, trifft es – speziell mit seinen nächtlichen Lichteffekten – östlichen und westlichen Geschmack in gleicher Weise. In der Tat ein angemessener Ort für ein außergewöhnliches Programm! Danach steht Mozarts „Don Giovanni“ in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg auf dem Programm. Dieses Mal im National Center for the Performing Arts in Peking vom 29.9.-1.10. Und abschließend das Eröffnungskonzert des Macao International Music Festival im Macao Cultural Center am 3.10.2010. Und sind bei dieser Vielfalt der Auftritte bereits auch entsprechende Gegenbesuche der chinesischen Seite in Köln geplant? Mit dem betretenen Neuland müsse man sich erst langsam vertraut machen. Vielleicht jedoch würden China-Tourneen in beide Richtungen eines Tages zum Alltag des Klassik-Marktes gehören. Nun jedoch, am Ende der Spielzeit, gelte es erst einmal, die Theaterpause zu nutzen, um sich anschließend mit frischen Kräften in den Fernen Osten auf den Weg zu machen. Ist es eher die musikalische Abenteuerlust oder die organisatorische Aufbruchstimmung, die da aus Markus Stenz hervorblitzen? So bleibt am Ende des Gesprächs noch der Wunsch für einen ebenso großen Erfolg in den chinesischen Konzertsälen wie in der heimischen Kölner Oper. |
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--------------------------------------- Die Gier nach dem Gold Wagners „Ring“ in der Kölner Oper Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel
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Weihevoll beziehen die Blaublütigen ihre neue Immobilie. Ohne Eigenkapital hatte Göttervater Wotan sie in Auftrag gegeben und dabei darauf spekuliert, dass ihm der Coup, notfalls mit List und Tücke, gelingen werde. Er, der Hüter der Verträge, setzt auf windige Geschäfte und schreckt dabei nicht zurück vor brutaler Gewalt. Moral? Fehlanzeige! Verantwortung? Keine Spur! Nur die Gier nach dem Gold und der Macht treiben ihn an. Koste es, was es wolle. Nie war er so aktuell wie heute: Wagners „Ring“ mit seiner Analyse der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. So gewinnt die bewährte Kölner Inszenierung von Robert Carsen bei ihrer gegenwärtigen Wiederaufnahme eine unverhoffte Brisanz. Sind mit dem Einzug in Walhall die zurück liegenden Probleme gelöst? Oder bricht doch noch eine zerstörerische „Götterdämmerung“ herein, die alles und alle mit hineinreißt in den Strudel des Abgrunds? Eine apokalyptische Vision, von Kapitalismus-Kritiker Wagner sicherlich nicht unbeabsichtigt und bei der gegenwärtigen Finanzkrise vom Gegenstand her nicht grundsätzlich auszuschließen. Allen voran Obergauner, pardon: Obergott Wotan, überzeugend dargestellt von Greer Grimsley. Stimmlich bestechend, überzeugt er, selbst gefangen im Labyrinth widriger Umstände, an allen Fronten, die sich für ihn auftun. So im Streit mit Ehefrau Fricka (Dalia Schaechter), die ihn nachdrücklich zum Kompromiss zwingt, wenn sie – wie im Fall von Siegmund und Sieglinde – ihren Zuständigkeitsbereich als Hüterin der Ehe unterlaufen sieht. Aus diesem Streit entwickelt sich auch der Konflikt mit seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die den von Flicka erzwungenen halbherzig erteilten Befehl ihres Vaters nicht ausführt und Siegmund im Zweikampf mit Hunding (Mikhail Petrenko) schont. Äußerst überzeugend als Brünhilde Evelyn Herlitzius, die als außergewöhnlich jugendlich wirkende Walküre die frenetischen Beifallsbekundungen des Publikums auf sich zieht. Und schließlich die Auseinandersetzung mit Alberich (Oliver Zwarg), dem gegenüber sich Wotan wegen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Position zu nichts verpflichtet weiß. Auch Alberich, der stets Gedemütigte, ist allzeit bereit, kräftig auszuteilen: Rücksichtslos gegenüber den Rheintöchtern (Jutta Böhnert, Regina Richter, Katrin Wundsam) unterwirft er sich seinen Bruder Mime (Martin Koch) und behandelt seine Untergebenen wie Arbeitssklaven (Leitung Statisterie: Martina Pohl). Nur der gerissene Loge (Carsten Süß), mit alle Wassern gewaschen, schwebt mit seinen Ratschlägen zwischen den Fronten und weiß listigen Rat selbst dann, wenn Obergott Wotan mit seinem Latein am Ende ist. So geht die kriminelle Beschaffung des Goldes zur Entlohnung der ungeschlachten Walhall-Erbauer Fafner (Ante Jerkunica) und Fasolt (Kurt Rydl) zurück auf seine Anregung – womit sich der Kreis zum gegenwärtigen skrupellosen Umgang mit fremden Kapital schließt. Und womit sich der „Ring des Nibelungen“ als Symbol für den Kreislauf der ewigen Gier wieder einmal bewährt hätte. Insgesamt eine Inszenierung wie aus einem Guss (Bühne und Kostüme: Patrick Kinmonth) unter der musikalischen Leitung des Kölner Generalmusikdirektors Markus Stenz, der äußerst engagiert sein Gürzenich-Orchester zu schlanker und durchsichtiger Wagner-Wiedergabe inspiriert. Auch ihm gelten die Standing Ovations, mit dem sich das Publikum für die großartige Gesamtleistung bedankt. Und die ist gegen Ende der laufenden Spielzeit zugleich eine Generalprobe. Denn im September wird die gesamte Kölner „Ring“- Produktion in Shanghai anlässlich der dortigen Weltausstellung mit nahezu fünfhundert Mitwirkenden als ein nicht zu überbietender Kultur-Höhepunkt zur Aufführung gebracht. Zusammenprall der Kulturen oder gemeinsame Kapitalismus-Kritik im Zeitalter der Globalisierung? Oder sogar die ebenfalls in der Inszenierung enthaltene Naturverantwortung als zentrales Thema? Auf die chinesische Reaktion darf man gespannt sein. Zu wünschen bleibt dem Kölner Opernensemble eine erfolgreiche Aufführung in Fernost. Loge, so heißt es, sei den Anderen bereits voraus geeilt. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- |
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Fotos: Brigitte Maria Mayer |
![]() Passionsfieber in Oberammergau Neue Akzente in einem alten Spiel Von Dr. Bernd Kregel Hoch aufgerichtet steht er da, eine stattliche Figur durch und durch - der Hohepriester Kaiphas. In seinem langen weißen Gewand und zusätzlich überhöht durch eine imponierend aufragende zylindrische Kopfbedeckung, füllt er die fünfzig Meter breite Bühne mit seiner Präsenz und zieht dadurch wie selbstverständlich die Blicke der fünftausend Zuschauer auf sich. Denn mit dem Hohen Rat hinter sich und dem Statthalter Pontius Pilatus vor sich kämpft er wie ein Löwe gegen den unscheinbaren „Wanderprediger“ Jesus von Nazareth, der ihm beim Ringen um die Sympathiewerte im Volk bereits gefährlich nahe gekommen ist. Mit bürgerlichem Namen heißt Kaiphas jedoch Anton Preisinger. Und normalerweise stehen nicht die religiösen und machtpolitischen Belange von Jerusalem im Mittelpunkt seines Interesses. Vielmehr sind es die Gäste seines renommierten Hotels in der Dorfstraße von Oberammergau, dem er in langer Traditionskette als Juniorchef vorsteht. Schon sein Vater Anton spielte bei früheren Aufführungen eine gewichtige Rolle. Und ebenso sein Großvater, ebenfalls Anton, der als Jesus-Darsteller des Jahres 1960 längst Eingang gefunden hat in den Oberammergauer Passionsspiel-Olymp. Nun wartet bereits ein Anton Preisinger der vierten Generation auf seinen Einsatz bei der nächsten Aufführung im Jahr 2020. Wie bei den Preisingers verhält es sich in vielen Familien der von hohen Bergen umrahmten bayerischen Gemeinde an der Ammer. Hier vererbt sich nicht nur das Kunsthandwerk des Holzschnitzens vom Vater auf den Sohn, sondern auch die Schauspielkunst von einer Generation auf die andere. Eine Tradition, die zurück reicht in das Jahr 1633. In jene Zeit, als im Dreißigjährigen Krieg die Dorfbewohner in der Hoffnung auf gnädige Errettung vor der Pest das Gelübde ablegten, regelmäßig Passionsspiele aufzuführen. Ein Versprechen, an das man sich in Oberammergau nun schon seit Jahrhunderten gebunden weiß, in diesem Jahr bereits zum 41. Mal. So ist es heute nicht mehr die Pest, die die Menschen ansteckt, sondern vielmehr das Fieber der großen gemeinsamen Aufgabe, das hier von den Dorfbewohnern Besitz ergreift. Zweitausend Mitwirkende sind es auch in diesem Jahr. Nicht mitgerechnet all jene, wie zum Beispiel David in seinem Studio nahe der Stadtkirche Peter und Paul, der weder in Oberammergau geboren wurde noch die Mindestwohnzeit von zwanzig Jahren vorweisen kann. „Beim nächsten Mal“, so gesteht er mit leuchtenden Augen, sei er „auf jeden Fall dabei“. Wer bereits in diesem Jahr dazu gehört, den erkennt man unschwer an seinem Bart und an den lang gewachsenen Haaren, die für den Bühnenauftritt unbedingt dazu gehören – selbst wenn die Bärte, wie es heißt, in alten Zeiten noch mächtiger und prächtiger die Gesichter der Schauspieler überwucherten. Sicherlich hat sich der Geschmack über die Jahrzehnte hinweg geändert. Aber haben es auch die Erwartungen des Publikums, das in einer Anzahl von mehr als einer halben Million bis in den Oktober hinein jeweils sechs Stunden lang die Passionsgeschichte durchlebt und durchleidet? Noch immer ist es die Einmaligkeit der Handlung, die bereits seit dem frühen Mittelalter die westliche Kultur geprägt hat und dadurch im kollektiven Unbewussten des christlichen Abendlandes fest verankert ist. Zugleich aber ist es das Rätselhafte, ja Mystische, das sich einer schnellen Erklärung entzieht und gerade aus diesem Grund in die Tiefenschichten des Einzelnen vordringt, sei er nun gläubig oder nicht. „Spielleiter“ Christian Stückl, der bereits als jüngster Regisseur Einzug hielt in die Passionsspiel-Annalen, setzt im Hinblick auf ein modernes Passions-Verständnis eigene Akzente. So vermeidet er gezielt den traditionell im Stück angelegten Antisemitismus. Vielmehr verlegt er den Hauptkonflikt anschaulich hinein in das Judentum der damaligen Zeit. In die Auseinandersetzung um die Person Jesu, ausgetragen durch die Hauptgegenspieler Kaiphas und Nikodemus. Ein spannender Streit, wie man ihn in dieser Ausführlichkeit und Intensität nirgendwo sonst jemals miterlebt hat. Ein thematischer Schwerpunktwechsel betrifft auch die Person Jesus selbst. Der ist natürlich, bei aller schauspielerischen Zurückhaltung seines Darstellers Frederik Mayet, immer noch die Hauptfigur der Passionsgeschichte. Doch er präsentiert sich nicht mehr wie bei früheren Aufführungen zunächst als der zornige junge Mann, der mit Gewalt die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel treibt. Vielmehr führt er sich ein als charismatischer Lehrer, der mit seinen spektakulären Seligpreisungen den inhaltlichen Rahmen seiner Botschaft vorgibt und damit die Voraussetzung schafft für die kontroversen Positionen. So liegt der Focus für Spielleiter Christian Stückl nicht mehr so sehr auf dem Opfertod Jesu und der daraus sich ableitenden Rechtfertigung des Sünders, selbst wenn die Kreuzigungsszene in ihrer dramatischen Anschaulichkeit zu den Höhepunkten der Aufführung gehört. Vielmehr ist es die Lehre Jesu vom Reich Gottes verbunden mit dem alle Gesetzlichkeit überragenden Liebesgebot, die sich wie ein roter Faden durch das Stück hindurch zieht. Ein besonderer Coup gelingt Stückl auch mit der Verlegung des zweiten Aufführungsteils in die Abendstunden hinein. Bereits in der Vorpremiere wird deutlich, wie die Dunkelheit mit sparsam gesetzten Lichteffekten der Handlung eine größere Überzeugungskraft abgewinnt als das Tageslicht. Neutralisierend im bewegten Handlungsablauf wirkt mit seiner liturgischen Schlichtheit der Chor, der wie in der griechischen Tragödie mit seinen kommentierenden und meditativen Einschüben die Schwerpunkte des Geschehens reflektiert. Umso aufgebrachter wirken dagegen die Szenen mit dem Volk. Besonders dann, wenn es sich, manipuliert durch die Priesterschaft, hinein steigert in ein mit seiner Dramatik kaum zu überbietendes „Kreuzige!“, wodurch das noch wenige Stunden zuvor mit Begeisterung herausgerufene „Hosianna!“ mit noch größerer Lautstärke gleich wieder beiseite gefegt wird. Bei einem solchen „Passionsfieber“ sind die größten und weltweit bekanntesten Passionsspiele zweifellos auch auf Zukunft hin angelegt. Denn wer wollte bestreiten, dass selbst in kirchenkritischen Zeiten eine zeitgemäße Auslegung des christlichen Passionsgeschehens auch weiterhin interessierte Zuschauer in ihren Bann zieht? |
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