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Unterhaltung und Kunst!

 

 

 

 

 

 

 

 

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Küssen kann man nicht alleine

Max Raabe und das Palast Orchester in der Kölner Philharmonie

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Warum sind so viele verrückt nach Max Raabe und seinem Palast Orchester? Denn alles ist – wie hier in der Kölner Philharmonie – ausverkauft bis auf den letzten Stehplatz, und vor der Tür halten Raabe-Fans Ausschau nach Einzelkarten, die jemand aus Gründen höherer Gewalt nicht selber für sich in Anspruch nehmen kann. Raabe ist ein Phänomen, denn und irgendwie scheint er die richtige Stimmung zur richtigen Zeit zu treffen. Nostalgie? Zeitgeist? Oder von beiden etwas?

Zweifellos sind es zunächst die altbekannten Ohrwürmer der zwanziger und dreißiger Jahre zwischen den  Weltkriegen, die sich längst ins kollektive Unbewusste eingegraben haben: besinnlich wie „Irgendwo auf der Welt“, albern wie „Ich wollt ich wär’ ein Huhn“ und häuslich wie „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“. Oder sogar floral wie „Wenn die kleinen Veilchen blühen“ und – unübertroffen – „Mein kleiner grüner Kaktus“.

Es ist die melancholisch-heitere Art des Vortrags, die Raabe nun bereits seit mehreren Jahrzehnten kultiviert. Wie ein aus dem Ei gepellter Kavalier steht er da und erweckt den Eindruck, als habe diese Art von Musik ihren eigenen Interpreten gesucht und gefunden. Da herrscht pure Konzentration, wenn Raabe mit herab hängenden Armen völlig auf Gestik verzichtet und dadurch automatisch seine sonore Stimme sowie unverwechselbare Mimik in den Vordergrund stellt. Eine Augenweide wie auch das ganze Bühnenbild, das mit Lichteffekten im Stil jener Zeit nicht geizt.

Und doch wäre der Gedanke abwegig, das Museale stünde im Vordergrund. Zwar ist der für die damalige Zeit charakteristische Klang durchweg unverkennbar. Und ebenso die melancholische Grundstimmung sowie die von ironischem Augenzwinkern durchsetzte Art des Humors. Und dennoch scheinen die Darbietungen in ihrer besonderen Art auch den heutigen Zeitgeist zu treffen, wie der frenetische Beifall stets beweist.

Dafür gibt es noch einen weiteren Grund, der erst beim genaueren Hinhören auffällt. Denn Raabe vermischt die bewährten Stücke mit neuen Produktionen und Arrangements, bei denen ihm Annette Humpe und Christoph Israel zur Seite standen. Vom Charakter her sicherlich ähnlich und doch versehen mit aussagekräftigen Bildern und Begebenheiten der Neuzeit.

So die für den Sänger im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende Begegnung mit einer ICE-Schaffnerin in „Doktor, Doktor“ oder der Umgang mit einer Schweiß treibenden beruflichen Flaute in „Krise“, die von den Hörern gemeinsam mit dem Interpreten durchlebt und durchlitten wird. Neu ist auch das Stück „Küssen kann man nicht alleine“, das als Motto den Konzertabend überspannt. Eine Allerweltsweisheit, die es dann aber bei genauerem Zuhören in sich hat.

Und wie entlässt Raabe seine Gäste in die Nacht? Mit einem „Schlaflied“ der feinen Art, das Emotionen hervorruft und damit einen würdigen Abschluss des Konzertabends bildet: „Doch du, mein Schatz, musst schlafen geh’n / weil Sterne schon am Himmel steh’n / die Sonne ist schon längst in Agadir …“ Einfach schön! Und dazu einfühlsam begleitet vom Palast Orchester, das bei allen Stücken des Abends nicht nur den richtigen Ton trifft, sondern mit seinen originellen Einlagen auch durchweg für gute Stimmung sorgt.

So sind es an diesem Abend vor allem die fein dosierten Zwischentöne, die aufhorchen lassen, mitsamt der aller Melancholie zugrunde liegenden Heiterkeit. Sie ist es letztendlich, die ansteckt und als Hintergrundfolie dient für eine Sicht der Dinge, die den alltäglichen tierischen Ernst weit hinter sich lässt.

As Time Goes By

Bonner Uraufführung der Musikkomödie „The Nightingales“

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Zeit heilt Wunden? Schön wär’s! Dass sie auch anders kann, zeigt Autor Peter Quilter in einem seiner neuesten Stücke „The Nightingales“, das derzeit im Bonner „contra kreis theater“ seine Uraufführung erlebt. Der Form nach eine Komödie. Denn in welchem anderen Rahmen ließe sich die in diesem Stück angelegte Tragik besser verdeutlichen und ertragen?

Knüppeldick kommt es für das Ehepaar Beatrice (Naemi Priegel) und Charles (Jasper Vogt). Nach einem bewegten Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, setzt sich in ihnen immer stärker die Erkenntnis durch, aus dem einstigen Scheinwerferlicht nun ins Renten-Abseits geraten zu sein. Und da ein Unglück selten allein kommt, ist ihnen mit ihrem beruflichen Erfolg auch gleich noch ihre Liebe zueinander abhanden gekommen.

Und auch auf den Respekt und die Zuneigung ihres Sohnes Jack (Leon van Leeuwenberg) können sie nicht zählen, bei dem sie sich für die Dauer dieses Stückes unangemeldet einquartiert haben. Denn schon sind sie wieder da, die alten Wunden, die das frühere familiäre Miteinander der Nightingales verursacht hat. Und neue kommen hinzu.

Dabei kämpft Junggeselle Jack gleich noch an einer anderen Beziehungsfront. Denn als Pianist im Showbusyness kann und will er die ihm von seiner Gesangskollegin Maggie (Elisabeth Ebner) entgegen gebrachten Gefühle nicht erwidern. So traurig kann Leben sein. Es sei denn, es würde gewürzt mit einer Prise Humor sowie einem Schuss unerwarteter Situationskomik.

Doch Peter Quilter wäre nicht einer der meistgespielten jungen Autoren der Welt, hätte er nicht noch weitere Überraschungseffekte in sein Stück eingebaut. Und die beruhen auf dem charmanten Milieu der englischen Metropole London in der Mitte des letzten Jahrhunderts, wie sie sich in den Kostümen (Anja Saafan), der Dekorationsmalerei (Manfred Dimon) bis in die Choreographie (Elke Berges) des Stückes hinein zeigt.

Der größte Trumpf jedoch ist die Musik, mit der Quilter die Nachkriegszeit wieder aufleben lässt. Ohrwürmer von Noel Coward, Cole Porter, George Gershwin und vielen Anderen, die – kaum haben sie in der Erinnerung der Showbizz-Profis auf der Bühne Gestalt angenommen – sogleich am Flügel musikalisch ins Leben zurückgerufen werden.

Denn singen können sie alle. Bis auf den Butler Graham (Thomas Pohn), der jedoch mit seinem ausgleichenden Wesen und seiner feinen englischen Art über andere Fähigkeiten und Vorzüge verfügt und so in einer Atmosphäre der überdrehten Exaltiertheit den ruhenden Pol bildet. Niemand kann erahnen, zu welchen Verrücktheiten es ohne seinen moderaten Einsatz noch kommen würde.

Insgesamt eine herzerwärmende Inszenierung von Horst Johanning, spritzig und witzig und doch mit Tiefgang. Ein Glanzstück des Boulevards.

Aufführungen bis zum 19.2.2012, Tel. 0228-632307  

Ein Feuerwerk wider den tierischen Ernst

„Die zehn Tenöre“ auf Deutschlandtournee

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Kreischende Damen jüngeren und mittleren Alters: Was haben „Die zehn Tenöre“, das Andere nicht haben? Ist es ihr sorgfältig ausgewähltes Programm zwischen Klassik und Pop aus Platons idealtypischen Tenorhimmel? Oder eher die gelungene Mischung aus Kammerchor und Boy Group, die die Zuhörer(innen) zu Begeisterungsstürmen antreibt?

Man muss es ihnen schon lassen, den Sängern von Down Under, die im Rahmen ihrer einmonatigen „Double Platinum“-Deutschlandtour ihr vielseitiges und gut aufeinander abgestimmtes Repertoire präsentieren: Freunde von Traurigkeit sind sie nicht und hätten den Aachener Orden wider den tierischen Ernst allemal verdient mit ihrer australischen Art, auf ihr Publikum zuzugehen und ihm ein ungewöhnliches Gruppen-Klangerlebnis seh- und hörgerecht zu ermöglichen.

Verwunderlich dabei jedoch ist, dass es in der Mehrzahl durchaus ernste Stücke sind, die sie in ständig wechselnden choreografischen Aufstellungen vortragen und damit zusätzlich eine enorme Bühnenpräsenz unter Beweis stellen. Wunderbar in seinem dramatischen Ernst „Il Gladiatore“ als Einstieg in den Abend, wobei die Sänger nacheinander in Erscheinung treten und das Publikum auf ihre Stimmgewalt einstimmen.

„We’ll have a great time together“, heißt es dann prophetisch in einer der kurzen Ansagen. Und diese Voraussicht bestätigt sich bereits im anschließenden „The Boxer“ von Simon und Garfunkel. Oder  danach im leise verhallenden „Bring him home“ von Alain Boublil. Und selbst religiöse Anklänge kommen nicht zu kurz wie das feierlich-sakrale „Pie Jesu“ von Andrew Lloyd Webber oder Leonhard Cohens ausdrucksstarkes „Halleluja“.

Als klassisch ausgebildete Sänger kennen sich die zehn Tenöre natürlich auch auf der Opernbühne bestens aus: in Verdis La Traviata mit dem stimmungsvollen „Anvil Chorus“ oder mit dem hinreißend vorgetragenen „Nessun dorma“ aus Puccinis Turandot. In diesen von Steven Baker arrangierten und orchestrierten Stücken wachsen die Interpreten geradezu über sich hinaus.

Und dann wieder ganz andere Ohrwürmer wie „En Aranjuez con tu Amor“ von Joaquin Rodrigo, „Bohemian Rhapsody“ von Freddie Mercury, „Wind of change“ von Klaus Meine und „Anything for Love“ von Jim Steinman. Oder: „I don’t want to miss a thing“ von Diane Warren sowie „Angel“ von Sarah McLachlan und schließlich „The Show must go on“ von Queen.

Wer wollte es den Sängern da verdenken, den Saal mit einem Potpourri aus den achtziger Jahren erneut zum Kochen zu bringen? Und nicht zuletzt mit der gefühlvoll vorgetragenen „Waltzing Mathilda“, der heimlichen Nationalhymne Australiens, bei der sich ein vermeintlicher Schafsdieb lieber ertränkt, als sich gefangen nehmen zu lassen.

Und da nach diesem außerordentlichen Musikerlebnis niemand den Saal des Bonn-Beueler Brückenforums verlassen will, bedarf es eines wohl gemeinten „Hey Jude, don’t be afraid“ von John Lennon und Paul McCartney, in dessen rhythmisches „Lalalala“ auch das Publikum musikalisch eingebunden wird. Ein wunderbarer Abend – und die Fans der Gruppe, angereist aus Holland und Deutschland, machen sich schon auf den Weg zum nächsten Konzert der zehn Tenöre.

Feuerwerksmusik zum Jahreswechsel

Das Mitteldeutsche Kammerorchester in der Kölner Philharmonie

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Vierzig Trompeten, zwanzig französische Hörner, sechzehn Oboen, sechzehn Fagotte, acht Paar Kesselpauken und zwölf Trommeln waren es diesmal nicht. Im Unterschied zur Londoner Uraufführung der „Feuerwerksmusik“ im Jahr 1749 unter der Regentschaft von König George II. kam die Aufführung  in der Kölner Philharmonie geradezu leichtfüßig daher. In einer bestechenden kammermusikalischen Durchsichtigkeit, durch die die Interpretation des „Mitteldeutschen Kammerorchesters“ zu einem außerordentlichen Hörvergnügen geriet.

Zum Beispiel in den jubilierenden Fanfaren und energisch punktierten Rhythmen des Ouvertüren-Mittelteils, der an den Anlass des Feuerwerks-Spektakels im Londoner Green Park erinnert: das Ende des Spanischen Erbfolgekrieges, an dem England siegreich beteiligt war und dieses glorreiche Ereignis mit einer sinnlichen Überhöhung beging. Freude ist demnach angesagt, von der besonders im scherzhaften Suitensatz „La Réjouissance“ eine geradezu ansteckende Wirkung ausgeht.

Nicht weniger hinreißend gestaltet sich Händels Orgelkonzert op.4 Nr. 4 F-Dur. Einprägsam gibt die Orgel im einleitenden Allegro das Thema vor, wobei David Timm, betraut mit der musikalischen Leitung und dem Cembalo-Part des Abends, sich auch als einfühlsamer Organist erweist. Stets in präzisem Zusammenspiel mit dem Orchester, wobei Konzertmeister Andreas Hartmann naturgemäß die Koordinierungsfunktion übernimmt. So steht bei spielerischer Leichtigkeit die Balance zwischen Orchester und Soloinstrument stets außer Zweifel.

Da das Werk bei aller in ihm angelegten Farbigkeit jedoch nicht sämtliche Vorzüge einer großen Konzertorgel demonstrieren kann, kündigt Timm – ein vielfach bei Improvisationswettbewerben ausgezeichneter Organist – augenzwinkernd die Jazz-Version eines „fast vergessenen Stücks“ von Johann Sebastian Bach an - und überrascht mit nichts Geringerem als der hinlänglich bekannten d-Moll Toccata, die er in einem ungewohnten rhythmischen Sound zu einem neuen Hörerlebnis hochstilisiert. Nach einem knalligen Schlussakkord ist ihm frenetischer Beifall dafür sicher.

Die Wertschätzung Bachs war bereits zu Beginn des Konzertabends mit seiner Orchestersuite Nr. 3 deutlich geworden. Hier beeindruckt besonders die Gegensätzlichkeit der ersten beiden Sätze: zum einen die Ouvertüre, in der bei überschwänglichem Einsatz von Pauken und Trompeten die Erde zu beben scheint. Und zum anderen das streicherbetonte „Air“, bei dem unter Verzicht auf die Bläser eine lyrisch-besinnliche Stimmung herbeigezaubert wird.

Mit Joseph Haydn schließlich wird die Programmauswahl des Abends komplettiert. Als besonderer Leckerbissen erweist sich die Sinfonia concertante für Violine, Violoncello, Oboe, Fagott und Orchester B-Dur. Ein Werk, bei dem in allen drei Sätzen die Soloinstrumente vor dem Orchesterhintergrund miteinander kommunizieren. Geradezu belebend im einleitenden Allegro die gewohnte Spritzigkeit Haydns, wenn sich die Sologeige (Andreas Hartmann) mit einem betörenden Thema herausschält und Oboe (Brigitte Horlitz), Fagott (David Mathe) und Violoncello (Nikolaus Gädeke) einfädeln zu einem bezaubernden Solistenquartett.

Erstaunlich, zu welcher musikalischen Qualität das Mitteldeutsche Kammerorchester inzwischen herangereift ist. Im Jahr 1987 als studentisches Ensemble in Weimar entstanden, hat es sein Repertoire ständig erweitert und stellt bei zahlreichen Gastauftritten seine Vielseitigkeit unter Beweis. So bereits mehrfach in der Kölner Philharmonie, wo es wie an diesem Abend im Rahmen der Kontrapunkt-Konzerte „Metropolen der Klassik“ auf ein begeistertes Publikum trifft.

Bemerkenswert schließlich auch das Multitalent David Timm (Foto). Als einstiges Mitglied des traditionsreichen Leipziger Thomanerchores und nach seiner Ausbildung zum Organisten glänzt er vom Improvisator bis zum Dirigenten in den unterschiedlichsten Sparten des Musik- und Konzertgeschehens. Und dafür bleibt er auch an diesem Kölner Konzertabend den Beweis nicht schuldig.

Verhängnisvolle Schönheit

Puccinis „Manon Lescaut“ in der Bonner Oper

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Foto:Thilo Beu

Täter oder Opfer? Die Opernliteratur ist voll von Beispielen, bei denen die Trennungslinie wie bei einem fernöstlichen Yin und Yang nahezu unsichtbar durch die handelnden Personen hindurch verläuft. So auch durch Puccinis Frauengestalten, die ihm sein Libretto vorgibt. Zum Beispiel Turandot, blutrünstig und rachsüchtig – oder doch nur ein Opfer der ihr zugefügten seelischen Verletzungen? Andererseits Manon Lescaut, hin- und hergerissen zwischen romantischer Liebe und luxuriösem Leben – eine Kombination, die den Keim des Verderbens bereits in sich trägt?

Die Oper Bonn hat beide Schicksale in bemerkenswerten Inszenierungen nachgezeichnet. Zuletzt Manon Lescaut, der bereits im jugendlichen Alter vorher bestimmt ist, ihre auffallende Schönheit hinter dicken Klostermauern zu verstecken. Doch noch bevor sich die Klostertüren für immer hinter ihr schließen, wird sie als Liebes- und als Lustobjekt gleich zweimal entdeckt und driftet ab von der ihr bevor stehenden klösterlichen Unschuld hin zum Objekt der Begierde.

Doch auch sie verliert ihre Unschuld, indem sie – menschlich-allzumenschlich – hin und her pendelt zwischen denen, die sie begehren. Dadurch entwickelt sie sich unaufhaltsam zu einer tragischen Figur, die sich auf verhängnisvolle Weise in ihrer eigenen Unzulänglichkeit verstrickt und dadurch selbst ihr tragisches Ende heraufbeschwört.

Regisseurin Christine Mielitz schöpft die emotionale Bandbreite der Hauptfigur voll aus, angesiedelt zwischen tief empfundener Liebe einerseits und oberflächlicher Selbstdarstellung im Starkult andererseits. Ebenso deutlich werden aber auch die Gefühle ihrer beiden Liebhaber herausgearbeitet: des mittellosen Studenten Des Grieux (Zurab Zurabishvili) und des reichen Steuereintreibers Geronte (Kurt Gysen), die zwischen Hochgefühl und Kränkung hin- und herpendeln.

Geradezu ein Geniestreich ist das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer: eine über einer zentralen Kuppel angebrachte Rampe, nach allen Seiten hin offen und allein aus der jeweiligen Drehung heraus einsetzbar als Flughafen-Gangway, Verbindungsbrücke oder Totenbahre. Auch die Kostüme von Corinna Crome sind ein Hingucker. Besonders das überdimensionale Kleid Manons, in dem sich moderne Träume im Stil von „Germany’s Next Top Model“ formvollendet zu verwirklichen scheinen.

Und stets fordert Puccini dabei stimmliche Höchstleistungen, die in der Dichte der Gefühlskonstellationen auch von allen in bemerkenswerter Qualität erbracht werden. Neben den Hauptpersonen, denen zugleich eine hohe schauspielerische Leistung abverlangt wird, auch von Sergeant Lescaut (Mark Morouse), der als Manons Bruder ebenfalls in das sich stets weiter verdichtende Interessengeflecht hinein verwoben wird.

Schauspielerische Leistung haben auch der Chor und der Statisterie des Theaters Bonn zu erbringen, die als Studenten, Verbannte und Sicherheitskräfte der Inszenierung zusätzliches Leben verleihen. Der begeisterte Schlussapplaus gilt aber vor allem dem Beethoven Orchester Bonn, das unter der musikalischen Leitung von Christopher Sprenger einfühlsam Puccinis musikalischen Ansatz herausarbeitet. Insgesamt ein überzeugendes Beispiel dafür, wie Opernhäuser mittlerer Größe auch großen Werken zu wahrer Größe verhelfen können.

www.theater-bonn.de

Weitere Termine: 26.01.12, 05.02.12, 04.03.12, 14.04.12

Mozart und Schubert im Dialog

Das Mozarteumorchester Salzburg in der Kölner Philharmonie

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Das Mozarteumorchester Salzburg, von Constanze Mozart im Jahr 1841 ins Leben gerufen, versteht sich als musikalischer Botschafter von Stadt und Land Salzburg. Als einem der führenden Sinfonieorchester Österreichs eilt ihm ein Ruf voraus, der der Kölner Philharmonie ein ausverkauftes Haus bescherte und die Erwartungen des versierten Kölner Musikpublikums nach oben schraubte.

Ebenso gespannt durfte man sein auf den Dirigenten des Abends, Ivor Bolton, der im Jahr 2004 zum Chefdirigenten des Mozarteumorchesters ernannt worden war. Ein Vollblutmusiker mit Erfahrung in allen namhaften Konzertsälen und Opernhäusern der Welt. Zahlreiche Einspielungen mit dem Mozarteumorchester vervollständigen das Bild.

Und nicht zuletzt wurde mit Lars Vogt einer der führenden jungen Pianisten erwartet, der sich als Solist weltweit einen Namen gemacht hat und in der Kölner Philharmonie bereits im April dieses Jahres auf sich aufmerksam gemacht hatte. An diesem Abend stand Mozarts Konzert für Klavier und Orchester d-Moll auf dem Programm. Kein klassisches Virtuosenkonzert, wie sich schnell zeigte, sondern eher ein Werk, bei dem das Orchester auf Augenhöhe mit dem Klavier kommunizierte.

So beginnt das einleitende Allegro mit einer düsteren Stimmung, die sich selbst nach den lyrischen Passagen der Holzbläser nicht auflöst. Erst spät erfolgt der Klaviereinsatz, zunächst vorsichtig tastend und dann übergehend in virtuose Läufe. Doch selbst in der Kadenz bricht das Soloinstrument nicht aus, sondern ist bei umsichtigem Dirigat umrahmt vom Orchester, das den Kopfsatz ruhig ausklingen lässt.

So ist der zweite Satz, vom Komponisten als „Romance“ ausgewiesen, gut vorbereitet. Mit kantilenen Passagen übernimmt das Klavier die Führung und steigert sich schnell in sechzehntel Arpeggien, die im Widerspruch stehen mit der einleitenden Ruhe des Satzes. Doch über langsame Triolen kehrt die Musik  zur ruhigen Ausgangsstimmung zurück.

Dramatischer Höhepunkt des Konzerts jedoch ist der abschließende dritte Satz Allegro assai. Hier gibt das Klavier ein zügiges Tempo vor, gefolgt von einem virtuos aufspielenden Orchester. Dem Fingerwirbel auf der Tastatur, vom Dirigenten geradezu provoziert, entspricht der von Flöte und Oboe aufgenommene Dialogfaden, der an schwungvoller Leichtigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Insgesamt eine Musikinterpretation, die sich präsentiert wie ein geschliffener Diamant.

Als Schwerpunkt des zweiten Konzertteils dann die Sinfonie Nr. 6 C-Dur von Franz Schubert. Im einleitenden Adagio-Allegro entfalten sich, unterstützt von der Oboe, wunderbar spritzige Flötenpassagen, die sich einfädeln in einen überzeugenden Dialog mit den Streichern. Wunderschön musiziert wird auch das Andante, das nach einem einschmeichelnden Motiv mit nahezu hämmernden Hörnern den vorgegebenen Rahmen der Satzanlage zu sprengen scheint.

Doch im Scherzo-Presto des dritten Satzes kommen im Dialog die Streicher fein ziseliert daher, während die Bläser, angeführt von den Flöten, mit lyrischen Anklängen glänzen. Der vierte Satz Allegro moderato mit seinen kantilenen Passagen lädt abschließend geradezu ein zum Mittanzen und bereitet Schuberts 6. Sinfonie ein grandioses Ende.

Mit dieser Interpretation bestätigt sich die Begeisterung des Publikums, an der bereits Schuberts einleitende Ouvertüre C-Dur aus „Die Zauberharfe“ und Mozarts Zwischenmusiken aus „Thamos, König in Ägypten“ einen maßgeblichen Einfluss hatten. Es sah die an das Orchester, den Dirigenten und den Solisten gestellten hohen Erwartungen als voll erfüllt, wie der nachdrückliche Applaus bewies.

Er wurde belohnt durch eine Zugabe des Pianisten, einen lyrischen Walzer von Johannes Brahms, ätherisch-zart vorgetragen wie eine aushauchende Erinnerung. Und abschließend durch den ersten Satz aus Mozarts Cassation Nr. 1, mit dem sich nicht zuletzt das Orchester für die Salzburger Festspiele empfahl, an denen es im nächsten Jahr maßgeblich teilhat.

www.koelner-philharmonie.de; www.mozarteumorchester.at; tickets@mozarteum.at

Gefangen im Labyrinth der Leidenschaften

Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“ in der Bonner Oper

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Den eigenen Mörder lieben? Das geht nur, wenn man überlebt und dazu auch noch die Gefühle verrückt spielen. In Mozarts „La Finta Giardiniera“ (Die Gärtnerin aus Liebe) geschieht beides. Das vermeintliche Opfer taucht als Gärtnerin unter und fällt, nach zahlreichen amourösen Verwicklungen und Verwirrungen erneut auf die Liebesbeteuerungen ihres einst so eifersüchtigen Mörders herein. So kompliziert ist das Leben.

Und doch so einfach. Jedenfalls für Mozart, der mit diesem Werk bereits im 18. Lebensjahr seine 7. Oper vorlegt. Und der dabei doch musikalisch so treffsicher und einfühlsam mit Lust und Liebe, mit Leid und Leidenschaften umzugehen weiß, als schöpfe er in puncto Liebe und Gefühl bereits im Jugendlichen Alter aus dem Vollen. Jede der sieben handelnden Personen wird dabei musikalisch seziert und in großartig angelegten Arien gefühlsmäßig aus der Reserve gelockt.

Dabei sind es nicht immer die edelsten Gefühle, die den Handlungsverlauf bestimmen. Wenn der Zofe Serpetta (Ingrid Froseth) der Diener Nardo (Giorgos Kanaris) nicht gut genug ist und sie sich an den Podestà Don Anchise (Mark Rosenthal) heranmacht, der eine bessere Partie zu sein verspricht.  Oder wenn die dem Grafen versprochene Arminda (Julia Kamenik) ihre Konkurrentin, die vermeintliche Gärtnerin Sandrina (Anna Siminska) verschleppt, um damit auf Nummer sicher zu gehen – zum Leidwesen von Ramiro (Susanne Blattert), der es seinerseits auf sie abgesehen hat.

Wie sehr dieses Beziehungsgeflecht einem Irrgarten gleicht, bringt das Bühnenbild (Hermann Feuchter) auf einfache und doch geniale Art zum Ausdruck. Es ist ein aus mehreren Kammern bestehendes goldenes Labyrinth, das in die Vertikale gekippt wurde und mit diesem Kunstgriff Bühnen füllend vom Publikum eingesehen werden kann. So entsteht bei entsprechender Beleuchtung (Thomas Roscher) der Eindruck zahlreicher Räumlichkeiten eines Schlosses, eine Illusion, die durch entsprechende Türen an der Rückseite des Bühnenaufbaus noch verstärkt wird.

So wird die Personenführung in diesen kleinen vertikalen Räumlichkeiten ein wahres Gezerre und Gedränge, ein sich Verstecken und Entwischen, wobei der Zuschauer, der längst den Überblick gewonnen hat, alles und jeden durchschaut. Und der sich dennoch durch die Unberechenbarkeiten in der Handlung sowie in der menschlichen Psyche bisweilen gefoppt sieht.

Und dies dennoch auf ganzer Linie in vollen Zügen genießt. Denn der Inszenierung von Philipp Himmelmann gelingt es mit Mozarts Hilfe, das menschlich-Allzumenschliche augenzwinkernd durchzudeklinieren. Nicht in belehrender Absicht, sondern im Vermitteln der Erkenntnis, wie es zugeht, wo es menschelt.

Ebenso wie das Publikum haben auch die Darsteller ihren Spaß und steigern sich zu zahlreichen kleinen Kabinettstückchen. Wie zum Beispiel Nardo, der seine Liebeserklärung gleich gewinnend in drei Sprachen vorträgt. Oder Belfiore, der seine wilden Gefühle in gekonnten Zuckungen à la Michael Jackson zum Ausdruck bringt.

Hilfreich sind auch die geschmackvollen Kostüme (Gesine Völlm), die der Zeit Mozarts nachempfunden sind und daher unmittelbar zu der spritzig galanten Musik passen, die vom Beethoven Orchester Bonn (Musikalische Leitung Hendrik Vestmann) luftig leicht und durchsichtig interpretiert wird. Insgesamt ein überaus gelungener Premierenabend, mit dem die Oper Bonn Maßstäbe setzt.

Nächste Aufführungstermine am 13. und 19. November 2011.

 
 

„Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945“

Ausstellungseröffnung im Haus der Geschichte durch Bundespräsident Christian Wulff

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

 

Fotos: Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnungsrede im Haus der Geschichte. Sowjetischer Panzer T-34,

VW-Käfer als Lebensgefühl und Abtrennung Ostberlins durch Schließung der Grenze.

 

Der sowjetische Panzer vom Typ T-34 gehört ebenso dazu wie der bemalte „VW Bulli“ aus der Zeit der Hippie-Bewegung. Das Wrackteil des über der Sowjetunion abgeschossenen amerikanischen Spionageflugzeugs U2 ebenso wie die Original-Sitzbank aus dem Wankdorf-Stadion, die an das „Wunder von Bern“ erinnert.

Insgesamt 7000 Objekte umfasst die Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im Bonner Haus der Geschichte, davon 3000 völlig neu oder zu sehen in neuen Zusammenhängen. Eine Fundgrube zu Teilung und Kaltem Krieg, zu Mauerfall und Wiedervereinigung. Die Originalobjekte werden dabei anschaulich in Szene gesetzt, um auf 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche mit vielen interaktiven Stationen deutsche Zeitgeschichte zu erzählen.

Diese ist, wie das Ausstellungskonzept zeigt, eingebettet in globale Zusammenhänge. So wird deutlich, wie der Kalte Krieg und die Globalisierung sich auf die deutschen Teilstaaten auswirkten und auch das wiedervereinigte Deutschland beeinflussen. Und nicht zuletzt wird der individuelle Aspekt der neueren deutschen Geschichte mit zahlreichen biografischen Zeugnissen beleuchtet, hautnah und zugleich emotional.

Dabei werden die Ereignisse der Jahre 1989/90 vollständig neu präsentiert, um aktuelle Erkenntnisse der Geschichtsforschung und Neugewichtungen zeithistorischer Ereignisse angemessen zu berücksichtigen. Neu sind auch das militärische Engagement der Bundeswehr im Ausland sowie die Lebensverhältnisse von Migranten in Deutschland.

So ist die Ausstellung mit ihren dreidimensionalen Objekten, Dokumenten, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen anschaulich konkret und bleibt mit ihrer Neugestaltung am „Puls der Zeit“. Nicht zuletzt  weil auch kontinuierliche Besucherbefragungen in die Neukonzipierung mit einbezogen wurden.

Eine mehr als dreijährige Planungs- sowie eine achtmonatige Bauphase waren der Ausstellungseröffnung am Verfassungstag, dem 23. Mai 2011 vorangegangen. Wie Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Präsident der „Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ in seiner Begrüßungsrede rückblickend feststellte. Ein Einsatz von mehreren hundert Beteiligten, der – spätestens mit dem neuen Ausstellungskatalog Anfang 2012 – ein anderes Geschichtsbild präsentiere als noch die heutigen Lehrbücher an Schulen und Universitäten.

Bei allen Höhen und Tiefen der Nachkriegsentwicklung jedoch sei die deutsche Geschichte insgesamt eine Erfolgsgeschichte: „Wir leben in einem tollen Land“, betont Bundespräsident Christian Wulff in seiner Eröffnungsrede und sieht darin ein Verdienst ganz vieler.

Angefangen bei der „gigantisch großen Leistung“ der Verfasser des Grundgesetzes, die den Mut hatten, neu zu beginnen aus dem Dunkel der Geschichte heraus in eine helle Zukunft hinein. Geschichte habe sich dabei in der Tat nicht als ein „gemütlicher Themenpark“ erwiesen, denn stets sei sie, bis in die Gegenwart hinein, auch „Begegnung mit den Leidenschaften und Kämpfen eines Gemeinwesens“.

Nein, die Zukunft der Demokratie werde uns nicht geschenkt. Auf der Grundlage eines gemeinsamen verbindenden Bandes und bei Anerkennung gemeinsamer Regeln mache Verschiedenheit uns stark. Daher solle eine gegenseitige Wertschätzung ernst genommen werden. Denn „was wir heute tun wird darüber entscheiden, was in der Geschichte über uns erzählt wird“. Und genau diese Version wird dann sicherlich irgendwann einmal im Haus der Geschichte nachzulesen sein.

www.hdg.de

Museen als kollektives Gedächtnis

 Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft eröffnet den Internationalen Museumstag 2011

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

 

Eröffnungsrede Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft (rechts). Nachbildung eines Waldelefanten als Prunkstück der Ausstellung (Mitte). Imponierende Größenverhältnisse (links).                                                                 Fotos: Dr. Bernd Kregel

 

Was haben die Gutenbergbibel, Goethes literarischer Nachlass, Beethovens Neunte, das Nibelungenlied und der Film „Metropolis“ miteinander gemein? Die Australierin Roslyn Russell, Präsidentin des UNESCO-Weltdokumentenerbes, hat den langen Weg nach Bonn auf sich genommen, um auf diese Frage eine offizielle Antwort zu geben: Diese hochkarätigen Werke deutscher Kultur gehören zu den elf Einschreibungen, mit denen Deutschland im „Weltregister der Menschheit“ vertreten ist.

Konkreter Anlass für Ausführungen wie diese ist der diesjährige Internationale Museumstag, der durch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in ihren Eigenschaften als Bundesratspräsidentin und zugleich Schirmherrin feierlich eröffnet wurde. In Anlehnung an das Motto „Museen, unser Gedächtnis!“ würdigte sie die ausgesprochen reichhaltige internationale und besonders die deutsche Museumslandschaft als einen Schatz, der der besonderen Pflege bedürfe.

So „wäre es fatal, einen kollektiven Gedächtnisschwund entstehen zu lassen“, weswegen die Bundesländer diesem kulturellen Schatz besonders verpflichtet seien. Es gehöre zu ihren Aufgaben, dafür zu sorgen, dass möglichst viele „mit dem Kulturgut Museum vertraut gemacht“ würden. Und dies beinhalte nicht zuletzt den freien Eintritt für Kinder und Jugendliche, eine Forderung, die offensichtlich bei den Zuhörern auf allgemeine Zustimmung stieß.

Dr. Lothar Jordan, Vorstandsmitglied im International Council of Museums (ICOM) pflichtete ihr bei mit der Feststellung, dass Museen die verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen hätten, die „Vergangenheit den Menschen der Zukunft zur Verfügung zu stellen“. Eine Aufgabe, die bei der unglaublichen „Museumsdiversität“ in Deutschland auch weitgehend wahrgenommen werde, wie die Direktorin des LVR-Landes-Museums Bonn, Dr. Gabriele Uelsberg, beteuerte. Nur müsse im Bewusstsein der Bevölkerung noch eine größere „Barrierefreiheit“ vermittelt werden. Dieses könne beispielsweise dadurch geschehen, dass „nicht nur die Menschen ins Museum, sondern die Museen zu den Menschen kommen“.

Bereits zum 34. Mal fand am 15. Mai 2011 der weltweite Internationale Museumstag (IMT) statt. Daran beteiligten sich allein im Land Nordrhein-Westfalen 180 Museen, davon nicht weniger als 150 aus dem Rheinland. Er wurde ausgerichtet vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), der – neben vielfachen weiteren Aufgaben - auch die Trägerschaft von elf Museen am Rhein übernommen hat. Darunter das LVR-LandesMuseum Bonn, gegründet im Jahr 1820 und damit ältestes Museum der Region.

So war es naheliegend, im Anschluss an die Eröffnungsfeier an einer Führung durch die Sonderausstellung „Elefantenreich. Eine Fossilwelt in Europa“ teilzunehmen. Sie führt hinein in die faszinierende Welt vor 200.000 Jahren, als mitten in Europa die im Museum nicht unbekannten Neandertaler auf Nashörner, Büffel und Höhlenlöwen trafen.

Und erstaunlicherweise auch auf Elefanten, so Museumsdirektorin Uelsberg. Mit den Mammuts seien sie  Nachfahren der mächtigen Mastodons. Während die Elefanten jedoch überlebt und sich evolutionär weiterentwickelt hätten, seien die Mammuts wegen der für sie unerträglich steigenden Temperaturen ausgestorben.

Als besonders beeindruckend erweist sich das in der Eingangshalle aufgebaute Prunkstück der Ausstellung. Es ist die naturgetreue Rekonstruktion eines altsteinzeitlichen Waldelefanten, der mit fast vier Metern Rückenhöhe die heutigen Kolosse sogar noch um ein Drittel überragt. Ein Blickfang besonders für Kinder bis hinunter zu den Kleinsten, die - wie selten zuvor - diese Ausstellung für sich entdeckt haben.

Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr; www.landesmuseum-bonn.lvr.de

Nostalgisches Jubiläumsprogramm

35 Jahre „Circus Roncalli“

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

 

Es ist ein Circus wie aus dem Märchenbuch. Und schon im Mai 1976, bei der Welturaufführung in Bonn, jubelten die Zeitungen: „Der Circus ist tot. Es lebe der Circus!“ Nun ist sie zurück, die damals “größte Poesie des Universums“ und begeht an ihrem Bonner Ausgangspunkt bis zum 22. Mai 2011 mit einem großen Jubiläumsprogramm ihren 35. Geburtstag.

Mit einer atemberaubenden Manegen-Inszenierung schreibt Roncalli Direktor Bernhard Paul nun ein neues Roncalli-Märchen voller Nostalgie und Poesie. Denn Höchstleistungen allein reichen ihm nicht aus: „Erst die verbindende Dramaturgie, das poetische Geschichten-Erzählen und die harmonische Einheit von Artistik und Musik machen das perfekte Programm aus.“

So ist, wie bei all den früheren Programmen, auch das diesjährige Jubiläumsprogramm gespickt mit circensischen Höhepunkten. In den Rang seines Nachfolgers als einstiger Clown „Zippo“ hat Paul den Komiker David Larible erhoben. Ein preisgekrönter Star unter den Clowns, der allein mit seinem großartigen komödiantischen Talent das Publikum auch ohne Ausstattung mit Requisiten zum begeisterten Lachen bringt.

Herrlich amüsant seine Opernnummer, in der er die Illusion schafft, die drei aus dem Publikum ausgewählten Gäste würden die eingespielten Opernarien auch tatsächlich singen. Oder der mimische Dialog mit einem Jungen, die sich beide einen Spaß daraus machen, Ex-Bundesminister Norbert Blüm in der Parkett-Loge mit Wasser zu besprühen.

Auch wenn „Roncalli“ in der Anfangsphase ohne Tiere auskam: Nun sind sie da, die wunderbar rassigen Araber- und Friesenhengste des ungarischen „Pferdepapstes“ Florian Richter, der mit seinen Pferdephantasien bereits in Monte Carlo beim internationalen Circusfestival mit der höchsten Auszeichnung, dem Goldenen Clown, geehrt wurde. Demgegenüber überrascht seine Gattin, Edith Richter, mit der nur noch selten auf der Welt zu bestaunenden temperamentvollen Dressur der „Ungarischen Post“.

Als äußerst kraftvoll erweisen sich die beiden zierlich wirkenden spanischen Azzario Sisters, die mit absoluter Körperbeherrschung und doch charmanter Leichtigkeit in ihren Balanceakten die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben scheinen. So wie auch der bulgarische Athlet Encho Keryazov, der seinen perfekt geformten Körper mit seinen wie Säulen wirkenden muskelbepackten Armen in alle (un-)möglichen Positionen wuchtet.

Formvollendete Ästhetik bietet auch das Moskauer Akrobatenduo Bobrov in seiner poetischen Luft-Oper am schwingenden Vertikal-Seil, bei der in einer anrührenden Liebesgeschichte Vitaly Bobrov seine Frau Oxana gefühlvoll durch die Lüfte trägt. Eine Luftnummer anderer Art bietet dagegen Shirley Larible, 21 Jahre junge Tochter des Clowns, die mit enormer Kraftanstrengung zwischen zwei Fußschlingen, Strapaten genannt, in den hohen Circushimmel aufsteigt.

Als „Herr der Bälle“ erweist sich Balljongleur Jemile Martinez, der fünf Fußbälle gleichzeitig in der Luft hält. Dagegen gelingt es dem äußerst biegsamen russischen Artisten Andrey Romanovsky, sich zusammengefaltet wie eine lebende Marionette in einem senkrechten Rohr verschwinden zu lassen, um kurze Zeit später an dessen unterem Ende wieder in voller Größe zu erscheinen.

Insgesamt also ein Circuserlebnis, das die hochgesteckten Erwartungen voll erfüllt. Musikalisch dazu phantasievoll begleitet vom „Roncalli Royal Orchestra“ unter der Leitung Georg Pommer, das vom Trommelwirbel bis zum Tremolo stets den richtigen Ton trifft. Und dass sich der Siegeszug des „Circus Roncalli“, dem alljährlich eine halbe Million Besucher zujubeln, auch in Zukunft fortsetzt, dafür sorgen nach dem damaligen Start in Bonn nicht zuletzt die jungen Künstler der zweiten Generation aus der Familie Paul, die inzwischen längst zum bunten Bild in der Manege dazu gehören.

www.roncalli.de;

Infos und Tickets: 01805-224522, bis 22. Mai 2011 an der Bonner Beethovenhalle

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Wasserwelt und Erdenwelt

Begeisternde „Rusalka“ in der Oper Bonn

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Wo Wasserwelt und Erdenwelt unvermittelt aufeinander prallen, ist – wie jüngste Beispiele zeigen – Zerstörung angesagt. Selbst die Opernwelt kann ein Lied davon singen. Zum Beispiel in Anton Dvoraks Oper „Rusalka“, als „Lyrisches Märchen in drei Akten“ die tschechische Version des in der europäischen Kulturgeschichte weit verbreiteten „Undine“-Stoffes. Die Oper Bonn hat sich in ihrer neuesten Produktion dieses Werkes angenommen und feiert damit einen ihrer größten Erfolge.

Das Bühnenbild wird beherrscht von dem sorgenvoll in sich kauernden Abbild des Wassermanns (Renatus Meszar). Mit seinen eindrücklichen Mahnungen gelingt es ihm nicht, die Wassernixe Rusalka, bezaubernd dargestellt von Irina Oknina, davon abzuhalten, das feuchte Element zu verlassen, um sich einem irdischen Prinzen (George Oniani) in Liebe hinzugeben.

Bei aller Hilfestellung durch die Hexe Jezibaba (Daniela Denschlag) ist sie, der hingebungsvolle Dreh- und Angelpunkt der Handlung, bei ihrem Landgang schließlich doch nur halb Fisch und halb Fleisch. Ein Umstand, den eine fremde Fürstin (Anjara I. Bartz) am Tage der geplanten Hochzeit rücksichtslos ausnutzt, um den Prinzen für sich zu gewinnen. Mit diesem Anfang vom Ende der Liebesbeziehung beginnt der von der Hexe ausgehende Fluch zu greifen: „Halb zieht sie ihn, halb sinkt er hin“ – und schließlich ist es um beide geschehen.

Eine rührend-romantische Handlung, die entfernt an die Königskinder erinnert, die ebenfalls nicht zueinander kommen konnten, weil das Wasser „viel zu tief“ war. Und genau diesen Umstand bringt das märchenhafte Bühnenbild von Helmut Stürmer zum Ausdruck, in dem die Wassersymbolik in ständig neuen Variationen den beredten Rahmen bildet. Zum Beispiel wenn sich der Wassermann vor seinem Auftauchen aus der Tiefe stets mit blubbernden Blasen ankündigt. Oder die Wellen sich über das Ufer erheben und den sie begrenzenden Wald zu überfluten drohen (Licht: Max Karbe).

Und es sind gleich drei Kabinettstückchen, die vom Libretto und der Regie in die Rahmenhandlung eingeflochten werden. Allen voran die drei Waldnymphen (Vardeni Davidian, Kathrin Leidig, Lisa Wedekind), die - vergleichbar den Rheintöchtern in Wagners „Rheingold“ - einen umwerfend verführerischen Charme auf die Bühne bringen.

Sodann das ungleiche Paar des Försters (Boris Beletskiy) und des Küchenjungen (Susanne Blattert), die sich in den dunklen Wald zum Hexenhaus hinaus wagen und dabei in ihrer Angst schier vergehen. Ausgeliefert einer ohnmächtigen Hilflosigkeit, die sie zu Boden wirft und dort in Angststarre verharren lässt.

Und nicht zuletzt der Kater (Stefanie Ostheimer), mit dem sich die Hexe umgibt. Mit seinen ausdrucksvoll eleganten Bewegungen stets ein Blickfang, selbst wenn kein Ton über seine Lippen kommt. Auch er, wie alle anderen illustren Gestalten (Choreographie: Bärbel Stenzenberger) bekleidet mit einem wunderbar aussagestarken Kostüm (Dieter Hauber, Karin Stephany) und dazu einer Maske, deren durchdringender Blick jeden Betrachter bis in seine (Alb-)Träume verfolgen muss.

Insgesamt eine äußerst gelungene weil stimmige Inszenierung von Mark Daniel Hirsch, der auch die musikalische Leistung des Beethoven Orchesters Bonn unter der Leitung von Jaroslav Kyzlink sowie der Chor des Theater Bonn (Choreinstudierung: Ulrich Zippelius) in nichts nachsteht. Nicht zu vergessen die sprachliche Leistung, die bei einer Aufführung in der tschechischen Originalversion von den Sängern erbracht werden muss (Sprach-Coaching: Eva Randova). Eine Gesamtleistung, die durch den frenetischen Beifall des Publikums reichlich belohnt wird.

Konzertsaal als Opernbühne

Wagners „Parsifal“ in der Kölner Philharmonie

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Heiligkeit und Sünde bilden den Gegensatz der beiden Welten, die in Wagners „Parsifal“ unvermittelt aufeinander prallen. Einerseits die Gralswelt, in der das Gute gleichbedeutend ist mit der absoluten Keuschheit, der sich die Gralsritter durch ihr Gelübde unterworfen wissen. Andererseits Klingsors Zauberschloss als Gegenwelt, in der die Ritter in „Klingsors Schlingen“ hineinzugeraten drohen, indem sie den im Zaubergarten bereit gehaltenen sexuellen Verführungen erliegen. Ein Konflikt ganz im Sinne des Dualismus zwischen Gottesreich und Menschenreich, wie ihn Theologen von Augustinus über Thomas von Aquin bis hin zu Martin Luther bereits herausgearbeitet hatten?

Sicherlich nur ansatzweise. Zwar greift Wagner in seinem „Bühnenweihfestspiel“ auf biblische Motive wie das göttliche Erlösungswerk am Karfreitag zurück. Mit dem Heiligen Gral, der Heiligen Lanze und der Überwindung der Sexualität setzt er jedoch eigene Schwerpunkte. Mit seiner Betonung mythischer Symbole und der in ihnen verborgenen tiefen Wahrheit unternimmt er gar den Versuch, auf dem Wege der Kunst „den Kern der Religion zu retten“, wo diese bereits künstlich geworden sei. Eine Blasphemie gegenüber der traditionellen christlich-abendländischen Religion?

Was jedoch bei aller Kritik an seinem Werk beeindruckt, ist die Sphäre des Weihevollen, in die Wagner die dem Wolfram von Eschenbach entlehnte Handlung musikalisch einbettet. So sprengt der „Parsifal“, dessen letzter Akt inhaltlich einem Karfreitag zugeordnet ist, den Rahmen einer Oper und einer üblichen Opernaufführung. Vielmehr wird er zelebriert wie ein Gottesdienst, wobei das emotionale Ergriffensein der Wagner-Gemeinde durchaus intendiert ist.

Und auch bei der Aufführung in der Kölner Philharmonie vorzüglich gelingt. Dies in einem Maße, dass das Publikum im Anschluss an den Schlussakkord nach langer Pause der Betroffenheit überspringt in  frenetischen Jubel. In eine Begeisterung, die wohl dem Bewusstsein entspringt, soeben Zeuge einer außergewöhnlichen Aufführung geworden zu sein. Und dies gleich in mehrfacher Hinsicht.

Einmal wegen der außerordentlichen Leistung des Gürzenich-Orchesters Köln. Unter der musikalischen Leitung seines Dirigenten Markus Stenz gelang es ihm, die gesamte Bandbreite Wagnerscher Musik zwischen weihevoll-ätherischer Feierlichkeit und opulent-orchestraler Fülle zum Ausdruck zu bringen. Eine begeisternde Vielfarbigkeit, in die sich der Chor der Oper Köln (Einstudierung: Andrew Ollivant) in musikalischer Augenhöhe einfügt.

Zum anderen wegen der durchweg brillanten Leistungen aller Gesangssolisten: wunderbar einfühlsam Robert Holl als Gurnemanz, Franz Grundheber als leidender Amfortas und Franz Mazura (Debüt 1949!) als Titurel in seiner seit Bayreuther Zeiten bewährten Rolle. Ausgesprochen überzeugend auch Bassbariton Samuel Youn als samuraihafter Klingsor, der seine Boshaftigkeit und Skrupellosigkeit durchweg engagiert zum Ausdruck bringt.

Als größte Überraschungen jedoch erweisen sich die Sopranistin Evelyn Herlitzius als leidenschaftliche Kundry und Tenor Marco Jentzsch, der sich – entsprechend seiner Titelrolle – vom „reinen Tor“ bis zum Gralshüter stimmlich auf geradezu unglaubliche Weise steigert. Zu einem der Höhepunkte gerät dabei die Verführungsszene in Klingsors Zaubergarten, wo nach den bezaubernd musizierenden Blumenmädchen auch Kundry mit ihren sexuellen Attacken an den höheren Werten Parsifals abprallen muss.

Und schließlich ist es die Kölner Philharmonie selbst, die sich, trotz konzertanter Aufführung, mit einfachen Mitteln der Regie in eine Opernbühne zu verwandeln imstande ist. So kommt während der gesamten Aufführung zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, gegenüber einer „normalen“ Opernaufführung im Nachteil zu sein. Insgesamt demnach ein in jeder Hinsicht überaus gelungenes Konzerterlebnis, bei dem einmal mehr das hohe musikalische Niveau der Kölner Oper erkennbar wird.

www.operkoeln.de; www.koelner-philharmonie.de

Foto: Kölner Philharmonie  

Volkslieder und Volksseele

Agnes Baltsa mit griechischen Liedern

in der Bonner Oper

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Worin käme die Seele eines Volkes deutlicher zum Ausdruck als in dem Schatz seiner Lieder? Sie spannen einen weiten Bogen über die Gefühlswelten zwischen Trauer und Hoffnung, Liebe und Hass, Leid und Leidenschaft. Vielleicht sind sie in dem künstlerischen Schatzkästlein einer Kultur sogar die Juwelen, deren strahlendes Leuchten gerade in ihrer Schlichtheit begründet liegt.

Agnes Baltsa (Foto) brachte sie einen Abend lang zum Funkeln. In einem Galakonzert präsentierte sie, am Flügel begleitet von Achilleas Wastor, griechische Lieder von Komponisten, die in Griechenland selbst schon legende sind: Musiker wie Mikis Theodorakis, Stavros Xarhakos, Manos Hajzidakis und Vassilis Tsitsanis. In ihren Liedern ist alles das an tieftraurigen, politisch aufrührerischen oder romantischen Kostbarkeiten angelegt, das Agnes Baltsa teils zurückhaltend, teils in großer Geste zum Ausdruck bringt.

Inzwischen hat sie sich musikalisch längst eingereiht in die Reihe griechischer Nationalheldinnen wie Melina Mercouri, Irene Papas und Maria Farantouri. Zu Recht, blickt man zurück auf ihre 40-jährige noch andauernde Bühnenkarriere mit einem geradezu unglaublichen Repertoire von Gluck, Mozart, Rossini bis hin zu Verdi, Berlioz und Bizet.

Welch ein Einstieg in den Konzertabend, als die Sängerin teils meditierend teils unter emotionalen Ausbrüchen vor einem fließenden Klavier-Klangteppich mit Stavros Xarhakos die Überzeugung zum Ausdruck bringt: „Es werden glücklichere Tage kommen, auch für uns.“ Schon hier wird jene „Callas-Spannung“ erkennbar, „jenes ungeheure griechische Feuer, jene körperliche Energie, die ihr in Verbindung mit ihrer prächtigen Stimme eine wahrhaft elektrisierende Bühnenpräsenz verleiht“, wie einst Regisseur John Schlesinger bemerkte.

Verträumt und besinnlich dagegen „Der Zug fährt um acht“ von Mikis Theodorakis, woran sich „Die Träume der Nachbarskinder“ von Manos Hajidakis vor verspielt perlendem Klavierklang mit großem Stimmvolumen anschließt. Nun jedoch strebt mit zwei Liedern von Vassilis Tsitsanis alles auf den ersten Höhepunkt des Abends zu: das hymnisch mit starker Gestik vorgetragene „Prinzessin meines Herzens“ sowie „Die Krabbe“, ein bei expressiver Mimik vorgetragenes humorvolles Kabinettstückchen, mit dem das Publikum unter lautem Beifall in die Pause entlassen wird.

Danach beginnt das Kaleidoskop der Gefühle erneut zu rotieren. Zum Beispiel mit dem Lied „Im Privatgemach eines Paschas“ von Spiros Peristeris, das unglaublich beeindruckend im Pianissimo verhallt. Oder – einfühlsam – mit „Der junge Postbote starb“ von Manos Hadjidakis, lyrisch ausgestaltet vor dem Hintergrund erregter virtuoser Klavierläufe.

Zwischendurch gesteht das Programm dem ausdrucksstark und zugleich durchsichtig musizierenden Pianisten Achilleas Wastor immer wieder einen Soloauftritt zu, eine Gelegenheit, die er gern nutzt, um unterschiedliche Stimmungen von heiter-tänzerisch bis virtuos-dramatisch hervorzurufen.

Auch Agnes Baltsa ist eine Meisterin darin, die Palette der Gefühle auf engem Raum auszubreiten. So im „Spazieren wir zum Mond“ von Manos Hajzidakis, wo sie nach einem fast zärtlich anmutenden Einstieg unmittelbar überwechselt in das Fortissimo eines Gefühlsausbruchs, den sie dann in einem sanften Pianissimo wieder in geordnete Bahnen lenkt.

Und dann schließlich mit „Jetzt und für immer“ von Stavros Xarhakos ein letztes schmerzvolles, ja verzweifeltes Aufbäumen, in dem sich die stimmliche und darstellerische Bandbreite der Künstlerin noch einmal deutlich zeigt. Jubel Ohne Ende, zwei Zugaben, stehende Ovationen: ein bemerkenswerter Galaabend in der Bonner Oper.

Russische Ausnahmewerke in der

Kölner Philharmonie

Die Staatskapelle Dresden spielt Tschaikowsky und Schostakowitsch

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Wer steht im Vordergrund bei diesem rundum ungewöhnlichen Konzert in der Kölner Philharmonie: Sind es die Interpreten des Abends, die renommierte Staatskapelle Dresden mit ihrem jungen Dirigenten Vladimir Jurowski (Foto links) sowie dem an Virtuosität kaum zu übertreffenden Star-Geiger Sergej Krylov (Foto rechts)? Oder eher die beiden Ausnahmewerke der russischen Musikliteratur von Peter Tschaikowsky und Dmitri Schostakowitsch, die das Publikum zu Beifallsstürmen hinrissen?

Kurz nach seiner Entstehung war Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester D-Dur von dem vorgesehenen Uraufführungsinterpreten noch für unspielbar erklärt worden. Und als es dann doch zur Aufführung gelangte, vollzog Eduard Hanslick, der auch Bruckner und Wagner mit seiner penetrant zerstörerischen Kritik heimsuchte, eine öffentliche Hinrichtung des Werkes. Das zu den heute beliebtesten und meistgespielten Konzerten der romantischen Literatur zählende Werk konfrontierte er damals mit der Frage, „ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört“.

Wie abwegig eine solche Kritik war und ist, bewies der Solist Sergej Krylov, der auf seiner singenden Stradivari aus dem Jahr 1734 dem schwierigen Werk nicht nur technisch gerecht wurde, sondern es darüber hinaus zu einem faszinierenden Klangerlebnis ausgestaltete. So im einleitenden Allegro moderato mit seinem kantilenenhaften Thema. Ein Satz, der gespickt ist mit Doppelgriffen und in der Kadenz nicht nur mit markanten Glissandi aufwartet, sondern zudem mit unglaublich hohen Tönen imponiert.

Es folgt die ausdrucksstarke Canzonetta, die vor allem im Zusammenspiel mit anderen Soloinstrumenten wie der Klarinette in einem fast unhörbaren Pianissimo versinkt. Um dann wieder im schnellen und lebhaften Finalsatz das Temperament der russischen Folklore zum Ausdruck zu bringen, der Tschaikowsky stets eine „wunderbare Schönheit“ attestiert hatte.

Mucksmäuschenstill wie nur selten war es im Zuschauerraum auch bei der Zugabe. Nichts Geringeres als die Toccata und Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach hatte Krylov dazu mitgebracht, transkribiert von Orgel auf Violine solo. Deutlich hörbar der ständige Manualwechsel sowie die Melodieführung vor dem Hintergrund der Begleitstimmen. Eine bislang nie gehörte musikalische Meisterleistung.

Auch die Sinfonie Nr. 4 c-Moll von Dmitri Schostakowitsch stellt sich nach der Pause als ein Ausnahmewerk dar. Es ist dies die große Stunde (!) der Staatskapelle Dresden, deren Dirigent Vladimir Jurowski sich des umfassenden Werkes mit Leidenschaft annimmt und schließlich die Partitur gleich einer heiligen Monstranz dem Auditorium bewundernd vor Augen führt. Immerhin war es zur Zeit der großen stalinistischen „Säuberung“ für lange Zeit in der Versenkung verschwunden, da der Komponist befürchten musste, den offiziellen Geschmack jener Zeit nicht richtig getroffen zu haben. Und ein Menschenleben galt damals nicht viel.

Angst ging auch um in der gesamten russischen Musikwelt, sodass der damalige Direktor der Leningrader Philharmonie dem Komponisten den Verzicht auf die Uraufführung nahelegte. Insgesamt Attacken auf ein Musikstück, das Schostakowitsch dann in erzwungenem vorauseilendem Gehorsam selbst als misslungen, unvollkommen in der Form und zu lang beschrieb. Eine Selbstkritik die angesichts der heute erkennbaren wahren Größe des Werkes unverständlich bleiben muss.

Wie bei der Uraufführung im Jahr 1961, 25 Jahre nach der Entstehung, fand sich der Hörer allerdings nicht sofort zurecht „in dem Labyrinth oft komplizierter Gedanken“, wie ein Zeitzeuge damals bemerkte. 120 Orchestermusiker sind erforderlich, um die eigenartige Mischung aus brutalen Kampfmärschen, grotesken Tanzsätzen, melancholischen Walzern und Trauermärschen Gestalt annehmen zu lassen. Dabei unterstreichen abrupte Brüche und harsche Stimmungswechsel die unglaubliche Dynamik, die diesem Werk innewohnt.

Aber auch die wunderschönen musikalischen Feinheiten, beispielsweise im Mittelsatz Moderato con moto, kommen dabei nicht zu kurz, bevor sie schließlich im finalen Largo-Allegretto wie von einer Springflut überrollt werden. Ein Meisterwerk, ohne Zweifel – und wie Tschaikowskys Violinkonzert ein Werk mit Ausnahmecharakter. Zu dieser Beurteilung trugen zweifellos auch die Interpreten des Abends ihren Teil bei.

Der überführte Verführer

Mozarts „Don Giovanni“ in der Oper Bonn

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Wenig taktvoll bemüht Leporello (Martin Tzonev) die Statistik und bringt mit seiner „Registerarie“ die eifersüchtige Donna Elvira (Julia Kamenik) zur Weißglut. Doch was schert den leichtlebigen Don Giovanni (Aris Argiris) bei seiner feuchtfröhlichen „Champagnerarie“ das Los der von ihm verführten Frauen? Treue wäre in seiner Gedankenwelt ja geradezu ein Vergehen gegenüber all denen, die er dann nicht hätte beglücken können – laut Leporello insgesamt um die 1800. Ein Frauenversteher ist er demnach nicht. Oder doch?

Die Wiederaufnahme von Mozarts „Don Giovanni“ in der Inszenierung von Klaus Weise erweist sich als ein gelungenes Come Back des Publikumslieblings Aris Argiris, dem die Rolle des skrupellosen Verführers auf den Leib geschrieben ist. Spritzig, ausgelassen und ungebändigt bahnt er sich seinen Weg durch die Welt der Frauen und beherrscht dabei die Tricks der Verführung meisterlich.

Zum Beispiel in dem zauberhaften Duettino mit der im Brautgewand auftretenden Zerlina (Judith Gauthier), die er – nicht ganz erfolglos – dem Bräutigam Masetto (Giorgos Kanaris) auszuspannen versucht. Mit der schlichten und eingängigen Melodie „Reich mir die Hand“ wird der Coup vorbereitet, bei dem sich der Verführer musikalisch gekonnt auf das eher schlichte soziale Niveau der Braut einstellt und damit in ihren Gefühlen zweifellos Verwirrung stiftet.

Komplizierter und spannungsvoller dagegen ist sein Verhältnis zu Donna Anna (Hale Soner). An der Oberfläche sucht sie Rache für den Mord an ihrem Vater, dem Komtur (Dmitry Ivashchenko). In ihrem Inneren jedoch scheint sie zu bedauern, dass der Verführer bei seinem Verführungs- oder gar Vergewaltigungsversuch nicht weit genug ging. Eine Spannung, die sich in der zurückhaltenden Zuneigung zu ihrem Verlobten Don Ottavio (Mirko Roschkowski) deutlich zeigt.

Trotz aller Dramatik des Werkes, zu dem wie beim „Figaro“ Lorenzo da Ponte das Libretto schrieb, bleibt auch der Bonner „Don Giovanni“ eine musikalische Komödie. Denn allen Solisten gelingt es im Rahmen ihrer jeweiligen Rolle eine augenzwinkernde Distanz aufzubauen, in der öffentliche Moral und individuelle Triebe zueinander in Beziehung gesetzt werden. Bis hinein in die Schlussszene: „Dies ist das Ende dessen, der Böses tut!“

Hervorragend und inspirierend auch das Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Robin Engelen, das die Vielschichtigkeit des Werkes, seine Ironie und Aufmüpfigkeit, musikalisch zum Ausdruck bringt. Insgesamt ein Niveau das verdeutlicht, warum sich bei der anhaltenden Beliebtheit des Don-Juan-Stoffes nach Mozart nie wieder jemand an eine musikalische Neufassung herangewagt hat.

Für den Zuschauer erschließt sich jedoch nicht auf den ersten Blick, warum im Eingangsteil das Ambiente einer Leichenhalle im Mittelpunkt steht. Und warum die Damen der bäuerlichen Hochzeitsfeier und der späteren Festgesellschaft in prächtigem Dessous-Outfit von ihren Partnern in Metallschubkarren an ihr jeweiliges Ziel gefahren werden. Auf solche Ungereimtheiten hätte die Inszenierung bei dem durchweg hohen musikalischen Niveau sehr wohl verzichten können.

Die generelle Zustimmung zu der Gesamtleistung des Abends jedoch beweist der anhaltende Beifall, der den Solisten und dem Orchester abschließend entgegen brandet. So wird auch in Bonn der „Don Giovanni“ seinem Ruf gerecht, die „Oper aller Opern“ zu sein, die niemand auf der Bühne oder im Publikum kalt lässt.

Nächste Aufführungen: 6. und 13. Februar 2011.

Ägyptische Zeitreise ins christliche Abendland

Umjubelte „Aida“-Premiere in der Kölner Oper

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Welche Oper könnte mit einem größeren Triumph aufwarten als Giuseppe Verdis „Aida“? Wenn nach gewonnener Schlacht gegen die Äthiopier die siegreichen ägyptischen Truppen heimkehren und dem Heerführer Radames (Scott MacAllister) huldigen. Zwar ist Köln  nicht Verona, doch der Effekt ist umwerfend, wenn sich ringsum die Saaltüren öffnen und der Chor lautstark in die Seitengänge hineinbrandet. So wird unter hell tönenden Fanfaren der Zuhörer augenblicklich zum euphorischen Teilnehmer des Triumphmarsches.

Dies ist einer der Kunstgriffe in der Inszenierung von Johannes Erath, mit denen er die Menschenmassen kanalisiert, die neben den Gesangssolisten auch den Chor und Extrachor der Oper Köln, die Statisterie der Bühnen Köln und – außerhalb des Grabens – Teile des Gürzenich-Orchesters Köln umfassen. Auch das Bühnenbild von Kaspar Glarner mit riesigen beweglichen Wandflächen, die in allen Richtungen durch den Raum schweben, unterstützt durch immer neue Konstellationen die Personenführung vom Dialog bis hin zum Massenauftritt.

Zum Schluss fügen sich die Kulissenflächen zusammen zu einer Grabkammer, in der der einst triumphierend heimgekehrte Radames lebendig eingemauert wird. Als ein Opfer des klassischen Konflikts zwischen individuellen Gefühlen und Staatsräson. So macht ihn seine Liebe zur äthiopischen Prinzessin Aida (Hui Ha), gehalten als Sklavin am ägyptischen Hof, wider willen zum Verräter. Eine dramatische Entwicklung, für die Aidas Vater Amonasro (Samuel Youn) und die verschmähte Pharaonentochter Amneris (Jovita Vaskeviciute) mitverantwortlich sind.

Nur eines ist verwunderlich: Warum wird die Handlung aus der ägyptischen Antike herausgefiltert und gleichsam in einer Zeitreise hinein transponiert in die christlich-abendländische Kultur? Sie lässt Oberpriester Ramfis (Mikhail Kazakov) mitsamt seiner Entourage auftreten in klerikalen Gewändern und, eingehüllt in das Kostbarste, das kirchliche Repräsentation zu bieten hat, glaubt man in Il Re, also dem Pharao, Papst Pius XII. oder – eine Kölner Spitze? – Kardinal Meisner wiederzuerkennen.

Geht es Verdi demnach gar nicht so sehr um die Geschehnisse am ägyptischen Hof in Theben mit all seinen dramatischen Ent- und Verwicklungen? Oder will er mit diesen Geschehnissen eher aufmerksam machen auf das Konfliktpotential auch in seinem/unserem Kulturbereich – auf die Universalität von Krieg und Frieden, Liebe und Hass, Freiheit und Unterdrückung? Unter dieser Prämisse wäre die Kölner Inszenierung zwar nicht werkkonform, wohl aber werkgerecht.

Großartig und von ihrer sängerischen sowie schauspielerischen Leistung über jeden Zweifel erhaben sind Aida und Radames ebenso wie Amonasro und Amneris. Bei ihren dramatischen Auseinandersetzungen scheint es im Raum vor Spannung förmlich zu knistern. Ergreifend vor allem die Schlussszene, in der das im Todeskampf vereinte Liebespaar eingemauert voneinander Abschied nimmt und Amneris, einem Engel gleich – mit den Seelen der Verstorbenen? – nach außen entschwebt.

Auch der Chor (Andrew Ollivant) wird – an verschiedenartigen Orten mit unterschiedlichen Aufgaben betraut – den Anforderungen voll gerecht. Ebenso auch das Gürzenich-Orchester Köln, stets inspiriert von seinem Dirigenten Will Humburg, bewährt an den großen Opernhäusern der Welt, nicht zuletzt in denen von Verdis italienischer Heimat.

So wurde nicht nur die Heimkehr des Radames sondern die gesamte Premiere der Kölner „Aida“ vor einem begeisterten Publikum zum Triumph einer Inszenierung, die fernab von Verona ausstrahlen wird auf die gesamte Region.  

„Skandal“ in der Kölner Philharmonie

Cameron Carpenter und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Die Erwartungen waren doppelt hoch. Voller Ungeduld richteten sie sich auf den jungen Orgelvirtuosen Cameron Carpenter, dem der Ruf vorauseilt, mit atemberaubender Technik die Klang- und Einsatzmöglichkeiten der „Königin der Instrumente“ ständig zu erweitern. Erwartet wird ein Künstler, der als Solist um die Welt reist und dabei gemeinsam auftritt mit Popsängern wie Bishi oder Vinicio Capossela, dem er am 11. Februar 2011 die Klinke der Kölner Philharmonie in die Hand gibt.

Damit jedoch ist das Phänomen Cameron Carpenter noch nicht ausreichend umschrieben. Denn inzwischen wird der aus dem Rahmen fallende Organist nicht nur als Solist, sondern auch als Komponist international anerkannt. Und nicht zuletzt wird sein Auftritt auch optisch überhöht durch selbst entworfene Bühnenkostüme, entliehen dem Glamour der Film-Musikwelten, mit denen er durch gelegentliche Ausflüge dorthin ebenfalls vertraut ist.

Die zweite hohe Erwartung richtet sich auf das Orchester, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die erfahrungsgemäß der Orchestermusik vom Barock bis zur Moderne einen wunderbar leichten und dabei ungewohnt ausdrucksstarken Klang verleiht. Auch der junge Dirigent dieses Abends wird bei Preisverleihungen in Dirigentenwettbewerben als „aufregend“ und „begabt“ gefeiert. Die Maßstäbe liegen also hoch bei diesem Neujahrskonzert 2011.

Und tatsächlich: Der Funke springt sofort über bei der einleitenden Ouvertüre aus der Operette „Candide“ (1956) von Leonard Bernstein. Mal mitreißend-clownesk, mal lyrisch-fließend erweist sich die von allen Instrumentengruppen ausgehende Inspiration als ein echtes Klangerlebnis.

Damit ist der rote (Klang-)Teppich ausgerollt für das Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauken (1938) von Francis Poulenc. Den betritt der amerikanische Künstler mit glitzernden Swarowski-Steinen an den hohen Schuhabsätzen, die beim späteren virtuosen Huschen über die Pedaltasten besonders in den Intervall-Passagen Bewunderung auslösen. Ebenso wie die mit Nieten besetzten punkigen Lederhandschuhe, die dennoch die Geläufigkeit auf den drei vorhandenen Manualen nicht einschränken.

Das einleitende Andante wirkt bei duftiger Registrierung noch verhalten. Doch wechselt das Spiel im nachfolgenden Allegro giocoso über zu kraftvollen Klängen, die andererseits bei häufig betätigtem Schwellkasten doch wieder im Zaum gehalten werden. Auffallend auch, dass es nicht beim „normalen“ Manualwechsel bleibt. Vielmehr entfaltet sich beim gleichzeitigen triomäßigen Spiel auf zwei Manualen eine überzeugende Durchsichtigkeit, technisch noch überhöht, kurz vor dem furiosen Abschluss, durch das gleichzeitige Spielen auf zwei Manualen mit nur einer Hand.

In der sich anschließenden Suite für Kammerorchester „Viel Lärm um nichts“ (1918/20) des Amerikaners Erich Wolfgang Korngold bietet sich für den Dirigenten erneut die Möglichkeit, auch die einzelnen Orchesterinstrumente in ihrer Klangschönheit hervortreten zu lassen. Betörend das singende Cello im zweiten Teil, das Zusammenspiel von Bratsche und Klavier im vierten oder die klangreinen Hörner im fünften Teil. Und immer wieder die wunderbar zarten Streicher, wie sie beispielsweise im Intermezzo eine geradezu ätherische Feinfühligkeit entwickeln.

Doch dann, nach der Pause, richten sich alle Sinne auf  den „Skandal“ für Orgel und Orchester (2010), ein Auftragswerk der KölnMusik, das nun seine Uraufführung erleben soll. Und automatisch stellt sich die Frage: Was ist hier skandalös? Ist es der die Ohren durchdringende Ton einer Trillerpfeife gleich zu Beginn? Das bei gegenseitigem Umspielen solistisch mitgestaltende Cello oder der ungestüm-virtuose Fußeinsatz im Pedal?

Nichts von alledem. Vielmehr intendiert der Komponist Carpenter „eine musikalische Illustration des Phänomens Skandal“, den er im schnelllebigen Medienzeitalter für „eine Art kollektiven Zeitvertreib“ hält. Die sich „wiederholenden Schemen“ und „typischen Erregungskurven“ von Skandalen sind es also, die er musikalisch zum Ausdruck bringen will.

Vor diesem theoretischen Hintergrund entpuppt sich der anfängliche Pfeifton als die Trillerpfeife eines Polizisten, mit dem die Dramatik beginnt, die tuschelnd durch die Instrumente hindurch weitergegeben wird und sich dadurch ungehemmt ausbreitet.

Doch dann, etwa in der Mitte des Stückes, ändert sich die Stimmung. Mit dem Dialog zwischen Orgel und Solocello kommt plötzlich eine reflektierende Emotionalität ins Spiel, die geeignet sein könnte mit Verständnis und Einfühlsamkeit den Skandal in gemäßigte Bahnen zu lenken. Doch der Showdown ist unvermeidlich und endet dennoch durch glaubwürdig vorgetragene Reue in einem Happy End, das Komponist wie Organist Carpenter zu einem „sinnlichen Erlebnis“ ausgestaltet.

Ein Konzerterlebnis, das einmündet in den frenetischen Jubel des Publikums. Und der – nach der Sinfonietta FP 141 (1947-48) von Francis Poulenc - dann noch einmal aufbrandet bei der Zugabe des eingängigen Orpheus-Can Can von Jacques Offenbach. Welch angemessener Auftakt für das neue Konzertjahr in der Kölner Philharmonie! 

75 Jahre Opernchor Bonn 

Streifzug durch die Welt der Oper

Opernchöre als Wegmarken einer Chorgeschichte

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Ist es eher der Gefangenenchor aus „Fidelio“ oder der aus „Nabucco“? Der Brautchor aus „Lohengrin“ oder der Jägerchor aus dem „Freischütz“, der uns für eine kurze Zeit die Welt um uns herum vergessen lässt? Allesamt sind sie Höhepunkte der Opernliteratur, die Musikgeschichte geschrieben haben. Und dabei stets auch geeignet waren, die Herzen zu öffnen und sich ihren berauschenden Klängen hinzugeben.

Die Begeisterung für diese Art von Musik bringt es sogar mit sich, dass Menschen sich ihr verschreiben und ihr an einer Opernbühne das ganze Berufsleben widmen. Was liegt da näher, sich anlässlich eines runden Chorjubiläums dieses Privilegs bewusst zu werden und – wie jetzt in Bonn - die Wegmarken der eigenen Chorgeschichte in einem ausgefallenen Programm auf die Bühne zu bringen?

Genau 75 Jahre ist er nun alt, der Bonner Opernchor, der im Jahr 1935 mit der Etablierung der Sparte Oper aus der Taufe gehoben wurde. Inzwischen sogar herangereift „zu einem Chor, wie er in den deutschen Opernhäusern zu suchen ist“, wie Konrad Beikircher als kurzweiliger und informativer Moderator des Jubiläums-Festkonzerts betont.

Und Kammersängerin Edda Moser, die Grande Dame der Opernliteratur und Schirmherrin der Veranstaltung, pflichtet ihm bei. Als Akteurin auf der Bonner Opernbühne hatte sie während verschiedener Gastspiele die Gelegenheit, den Chor mitgestaltend zu erleben und dabei festzustellen, wie sich – unter der Leitung von Chordirektorin Sibylle Wagner – „sein hohes Niveau immer weiter gesteigert hat“.

So beginnt der Konzertabend mit Chorpartien aus der Bonner Händel-Trilogie „Saul“, „Jephta“ und „Belsazar“, die unter der heute bereits legendären Regie von Dietrich Hilsdorf den Chor aus der reinen Gesangsrolle herausgenommen und ihm eine ungewöhnlich umfangreiche choreografische Aufgabe zugewiesen hatte.

Bemerkenswert auch, wie der heute mit 36 Stellen besetzte Chor bei erhöhten Anforderungen um einen Extrachor und einen Kinderchor (Leitung: Ekaterina Klewitz) erweitert werden kann. Großartiges Beispiel für diese Bühnen füllende Zusammenarbeit ist George Bizets „Les voici! Voici la quadrille!“ aus der Oper „Carmen“, die erst zu Beginn der Spielzeit Premiere hatte.

Nicht weniger hinreißend auch die Polowetzer Tänze aus Alexander Borodins „Fürst Igor“, bei denen sich Opernchor und Beethoven Orchester Bonn (Leitung: Sibylle Wagner/Ulrich Zippelius) an rhythmischer Genauigkeit übertreffen. Begeisternd auch der Feuerchor aus „Otello“ und die schaurige Hexenszene aus „Macbeth“, beide von Giuseppe Verdi. Dem gegenüber überzeugt „Der Seele Heil“ aus Wagners „Tannhäuser“ als erhebender feierlicher Abschluss des offiziellen Programmteils.

Ein Abend, der vor begeistertem Publikum den Beweis erbringt, welche musikalischen Schätze die Opernliteratur bereit hält, und über welchen hervorragenden Klangkörper das Opernhaus Bonn derzeit verfügt. Ein Umstand, der politischen Erwägungen entgegen gehalten werden kann, aus Kostengründen das Bonner Operngeschehen doch gleich nach Köln auszulagern. Eine Beethovenstadt ohne eigenes Opernhaus? Da wundern sich sogar die Bürger von Schilda.  

„Highlights des Internationalen Tanzes“

 „Nussknacker“ als „Christmas Carol“

Ballett des Nationaltheaters Prag in der Bonner Oper

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

 

Bereits vor dem Weihnachtsfest erobert jede „Nussknacker“-Aufführung die Herzen von Kindern und Erwachsenen. Vor allem durch die wundervolle Musik von Peter Tschaikowsky. Und natürlich auch durch die dem Ballett zugrunde liegende Erzählung „Nussknacker und Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann, die Marius Petipa in seiner seit Generationen bekannten legendären Choreographie aufgreift.

Nicht so in Bonn. Hier wurde der „Nussknacker“ in der Reihe „Highlights des Internationalen Tanzes“ vom Ballett des Nationaltheaters Prag in das winterliche London verlegt. Heraus aus deutsch-russischen Weihnachtsstuben hinein in das vorweihnachtliche Treiben der Themsestadt zur Zeit des „Christmas Carols“ von Charles Dickens Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Idee für diesen ungewöhnlichen Ortswechsel ist nicht neu. Sie stammt von Youri Vamos, Ende der achtziger Jahre Ballettdirektor in Bonn, der für seine damalige „Nussknacker“-Inszenierung (1988) ein eigenes Libretto verfasste. Und darin spielte nicht so sehr die Handlung um den „Mäusekönig“ wie in der Hoffmann-Erzählung eine Rolle. Vielmehr war es die Gestalt des Geldverleihers und Geizhalses Scrooge aus dem „Christmas Carol“ von Charles Dickens (1843), der den Handlungsablauf bestimmte.

Seit 2004 führt der Prager Ballettdirektor Petr Zuska das Stück in seinem Repertoire. Nun brachte er es zurück nach Bonn auf die Bühne seiner Uraufführung und demonstrierte mit dem vor zwei Jahrzehnten vollzogenen Szenewechsel des traditionellen Stoffes die Originalität der Neuversion.

Als originell erweist sich auch das Bühnenbild (Petr Pleva), das den vorweihnachtlichen Rahmen bildet für die farbenfrohen Straßenszenen unmittelbar vor dem Haus des Geldverleihers Scrooge (Radek Vratil). Dieser, wie nicht anders zu erwarten, entpuppt sich sehr schnell als verschrobener Störenfried in dem fröhlichen Getümmel, das er nicht einmal am Heiligen Abend zu ertragen vermag.

Doch die Strafe folgt auf dem Fuße. Denn im Unterschied zu dem Traum Claras bei E.T.A. Hoffmann stehen die wirren Träume von Scrooge im Mittelpunkt des Geschehens, die ihn mit dem Leibhaftigen selber und gruseligen Todesgeistern zusammen führen. Ein Blick tut sich auf in den Abgrund der Hölle.

Doch im Traum gewinnt auch die Gegenwelt Gestalt. Es ist die Welt der Weihnachtsfreude, die sich ihm nun plötzlich offenbart. Und auch die Welt der Weihnachtsgeschenke, hier in Form der vertrauten Divertissement-Vorführungen, die er in einer Kindergruppe miterlebt (Schülerinnen des Ballett Zentrums Vadim Bondar, Bonn). Ja selbst Clara (Edita Rauserova) und der Nussknacker-Prinz (Karel Audy) werden hier in bezauberndem Grand Pas de Deux zu neuem Leben erweckt.

So folgt angesichts dieser zu Herzen gehenden Eindrücke die Läuterung auf dem Fuße. Scrooge entdeckt seine Großzügigkeit und wird durch seine Traumerlebnisse zu einem angenehmen Zeitgenossen. Ausgelassener Beifall liefert abschließend den Beweis, dass das Libretto und die hervorragende Tanzleistung des Prager Balletts vom Publikum bereits als Weihnachtsgeschenk vor dem Heiligen Abend empfunden werden.                                                 

 

Napoleon zwischen Traum und Trauma

Aufarbeitung europäischer Geschichte in der

Bonner Bundeskunsthalle

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

 

Beethoven war verärgert. Voller Begeisterung hatte der freiheitlich gesinnte Komponist Napoleon seine Sinfonie Nr. 3, die „Eroica“, gewidmet. Als er jedoch von dessen Selbsterhebung zum Kaiser erfuhr, soll er das Titelblatt des inzwischen verschollenen Originals samt Widmungsinschrift zerrissen haben. Dieser mit starken Emotionen vollzogene Gesinnungswandel beweist, dass in der Wahrnehmung der Person Napoleons Traum und Trauma stets eine enge Verbindung eingegangen sind.

Diese Erkenntnis macht sich die Bonner Napoleon-Ausstellung zunutze und erhebt sie zum Gliederungsprinzip der 400 Exponate aus ganz Europa. Beteiligt an ihrem Zustandekommen ist eine junge Historikergeneration, die nach dem politischen Wandel in Europa während der letzten Jahrzehnte mit einer neuen Sichtweise an die geschichtlichen Zusammenhänge herangeht und sich dabei an ein breites, nicht zuletzt auch junges Publikum wendet.

Heraus gekommen ist – jenseits aller bislang üblichen Plakativität – ein erstaunlich ausgewogenes neues Gesamtbild, das die bisherige Geschichts- und Kunstwissenschaft in einen neuen Rahmen stellt. Eine wissenschaftliche Unbefangenheit und Neutralität, die besonders die Franzosen erfreut, wie Général Robert Bresse, Leiter des Musée de l’Armée in Paris betont, der die Ausstellung für das Frühjahr 2012 in seinem Haus erwartet.

Warum aber erhitzt die Person Napoleons noch nach zweihundert Jahren die Gemüter in einem solchen Ausmaß? Wohl deshalb, weil er wie keine andere Persönlichkeit seit Karl dem Großen in nur 16 Jahren das politische Gesicht Europas prägte und sogar grundlegend veränderte. Einerseits indem sein Kaiserreich auf der Grundlage republikanischer Werte Vorbild war hinsichtlich eines modernen effizienten Staates. Andererseits jedoch wurde es wegen der unablässigen Kriege auch als menschenverachtende Militärmaschinerie empfunden. Ein Konflikt, der sich durch die ganze Ausstellung hindurch zieht.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die „Generation Bonaparte“, jene „neuen Männer“, die sich nach der Französischen Revolution an die Spitze der neuen sozialen, geografischen und psychologischen Mobilität stellten. Viele der politischen Akteure des napoleonischen Jahrzehnts hatten damals noch nicht einmal das dreißigste Lebensjahr erreicht. So Alexander von Humboldt, Beethoven, Hegel und Hölderlin, für die – als exakte Altersgenossen Napoleons – Goethe bereits der Vätergeneration angehörte.

Sie alle waren geprägt von der Aura der Unbesiegbarkeit, die von Napoleon seit seinem Italienfeldzug im Jahr 1796 in ganz Europa ausging. In Gemälden wurde er überschwänglich gefeiert als Frieden bringender Mars, als Jupiter, ja sogar als christlicher Heilsbringer bis hin zum Subjekt unzähliger Apotheosen. Wie das Beispiel Beethovens zeigt, änderte sich dieses Bild nach seiner Kaiserkrönung abrupt. Nun wurde er von Dichtern und Künstlern inszeniert als Menschen fressender Koloss und entfesselter Drache. Welch ein Umschlagen der Gefühle innerhalb kürzester Zeit!

Wie die Ausstellung zeigt, hatten viele den europäischen Traum vom Imperium mitgeträumt, wie er sich aus antiken und mittelalterlichen Quellen und Vorstellungen speiste. Doch kollidierte Napoleons kriegerischer Ansatz mit dem parallelen Traum vom ewigen Frieden, wie ihn Kant eist beschrieben und für möglich gehalten hatte. Chirurgische Instrumente, Prothesen und bildliche Darstellungen von Verwundeten stehen stellvertretend für das Leid einer ganzen Generation mit bis zu drei Millionen Toten und unzähligen Verwundeten.

Hinzu kommt die Tatsache, dass Napoleon aus übergeordneten europäischen Belangen eine Familienangelegenheit machte. In der Folge seiner Eroberungen wurde nahezu seine gesamte Familie in sein System der Machtausübung eingespannt. Dabei erschien ihm die Legitimierung der Macht durch Blutsbande als ein zentrales Anliegen. Zentrum seines dynastischen Traumes war sein gemeinsamer Sohn mit Marie-Luise von Habsburg. In ihm sah er eine Vereinigung des Blutes der römisch-deutschen Kaiser mit dem neuen Blut der Bonapartes. Für ihn eine schicksalsschwere Mischung, die jedoch auf wenig Zustimmung stieß.

Ein weiteres Kapitel der Ausstellung ist den Duellen gewidmet, zu denen er England und Russland herausgefordert hatte. Vor allem ist es die verlorene Seeschlacht von Trafalgar im Jahr 1805, die ihn an die Leine legte und seine Träume als maritime Vormacht scheitern ließ. Ebenso erfolglos waren seine Expansionspläne gegenüber Russland. Es versagte ihm nicht nur seine Unterstützung bei der Kontinentalsperre gegenüber England, sondern brachte ihm im harten russischen Winter auch noch eine ernste militärische Demütigung bei.

So zeigt die Ausstellung die Person Napoleons als ein kompliziertes Geflecht aus Heroenkult, mythischer Verklärung und nationalen Projektionen ebenso wie die diesem Idealbild entgegen stehenden Napoleonbilder. Dabei erweist es sich als höchst attraktiv, sich als Besucher selbst in diesen Konflikt mit eigenen Erkenntnissen und Gefühlen einzubringen. Bis zum 25. April 2011 ist Zeit dazu.

NAPOLEON UND EUROPA. Traum und Trauma

Bis 25. April 2011 in Bonn

www.bundeskunsthalle.de

 

Barockes Klangerlebnis mit Überraschungen

Albrecht Mayer und die Berliner Barock Solisten

in der Kölner Philharmonie

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Gleich drei Überraschungen waren es, mit denen die Kölner Philharmonie am Vorabend des Dritten Advents 2010 aufwartete. Vor allem natürlich war es der „Instrumentalist des Jahres“, der nach 2004 und 2008 in diesem Jahr bereits zum dritten Mal mit dem Deutschen Musikpreis in der Sparte Klassik ausgezeichnete Oboist Albrecht Mayer. Ein Meister seines Instruments, über dessen Spiel Kritiker und Zuhörer gleichermaßen ins Schwärmen geraten.

Zum anderen die mit ihm musizierenden Berliner Barock Solisten. Ein heute weltweit renommiertes Spezialistenensemble, das seinen Ursprung bei den Berliner Philharmonikern hat und sich seit fünfzehn Jahren auf den Wogen der Alte-Musik-Bewegung zu einem unglaublichen Qualitätsniveau hinaufgespielt hat. Zu seinen Spezialitäten gehört das Musizieren auf historischen Instrumenten, die dazu beitragen, dass ihre moderne Interpretation Alter Meister nicht ins Modernistische abgleitet.

Und schließlich ist es das Programm, das im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen lässt. Denn neben weniger bekannten Stücken von Bach und Telemann sind es auch unbekanntere Sprösse der Bach-Familie, die hier vorgestellt werden. Darüber hinaus Johann Goldberg, dem Bach seine berühmten Variationen widmete und der an diesem Abend mit einer Sonate für zwei Violinen, Viola und Basso continuo c-Moll als respektabler Komponist in Erinnerung gebracht wird.

Bereits in der Ouvertürensuite für Streicher und Basso continuo e-Moll von Johann Bernhard Bach, einem Vetter des großen Meisters, zeigen sich die Qualitäten des kleinen, nur zwölf Musiker umfassenden Streichorchesters. Durchsichtig und blitzsauber wird hier musiziert und je nach Charakter des Satzes einschmeichelnd wie in der Ouvertüre bis spritzig wie im Fugenteil von Air 1. Dann wieder temperamentvoll in Air 2 bis virtuos bei wunderbarer Phrasierung im Gavotte en Rondeaux, dem Schlusssatz des zu Unrecht unbekannten Stückes.

Mit dem Konzert für Oboe und Streicher B-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach beginnt der große Auftritt des Solisten Albrecht Mayer, der seinem Instrument die wunderbarsten Töne entlockt und sich dabei doch, wie sich bereits im einleitenden Allegretto zeigt, stets sensibel in den Streicher-Klangkörper einfügt. Im Mittelsatz Largo e mesto schwingt er sich auf zu einem unvergleichlichen nasal-kantilenenhaften Klang, als sei er im Begriff, auf diesem Wege eine Geschichte zu erzählen. In einem tänzerisch vorgetragenen Allegro moderato findet das Stück seinen begeisternden Abschluss.

Wie aus einem Guss entwickelt sich auch das Zusammenspiel im Konzert für Oboe und Streichorchester G-Dur von Carl Ditters von Dittersdorf. Im Eingangssatz Allegro non molto übernimmt das Blasinstrument schnell die Führung und zündet im weiteren Verlauf mit Virtuosität und Melodienreichtum besonders in den Solopartien geradezu ein akustisches Feuerwerk.

Dazu bietet auch die nachfolgende Ouvertürensuite für Streicher und zwei Hörner g-Moll von Georg Philipp Telemann ausreichend Gelegenheit. Schwungvoll wie in der einleitenden Ouvertüre und stürmisch wie in dem polnischen Satz Mourky endet das Stück in der kurzen abschließenden Harlequinade in einer wilden Jagd, bei der besonders die Cellistin Kristin von der Goltz begeisterten Applaus auf sich zieht.

Dann schließlich, als Programmabschluss, eine Besonderheit der Bachinterpretation. Es ist ein Konzert für Englischhorn, Streicher und Basso continuo, im Auftrag von Albrecht Mayer arrangiert nach der Bach-Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ von Andreas Tarkmann. Die Alt-Passagen der Kantate eignen sich offenbar besonders gut für die Übertragung, da das Englischhorn als das Altinstrument der Oboenfamilie gilt.

Lautmalerisch setzen sich die drei Sätze, wie bei Bach üblich, mit der vorgegebenen Thematik auseinander. Im abschließenden Allegro könnte man bei absteigendem Hauptthema das Hinabsinken des Sünders in die Hölle wiedererkennen. Ein neues Hörerlebnis, das vom Publikum mit begeistertem Applaus honoriert wird.

Als Zugabe folgt eine weitere musikalische Besonderheit. Es ist das Stück „A Chloris“ von dem französischen Komponisten Reynaldo Hahn. Auch hier steht Bach Pate mit seinem berühmten Air-Thema, das Hahn als Basso ostinato seinem Stück unterlegt. Ein Ohrwurm, der Bravo-Rufe nach sich zieht. Der würdige Abschluss eines wunderbaren Abends.

                                                                                                   Foto: Kölner Philharmonie

Die Messe aller Messen

Jubiläumskonzert 40 Jahre Kölner Kurrende

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Schöner kann man sich den Einstieg in die Weihnachtszeit 2010 nicht vorstellen: ein strahlendes „Gloria“, das den Blick unweigerlich nach oben lenkt zum strahlenden Stern von Bethlehem, um sogleich wieder mit einem bedächtigen „Et in terra pax“ die Aufmerksamkeit auf die instabilen irdischen Verhältnisse zu lenken.

Johann Sebastian Bachs „Messe in h-Moll“ war angesagt in der Kölner Philharmonie. Eines der schönsten, wenn nicht das schönste Werk der Musikliteratur und dazu ein selbstbewusst gesetzter Rahmen zum Jubiläumskonzert der Kölner Kurrende anlässlich ihres 40jährigen Bestehens. Weiterhin wirkten mit der Europäische Kammerchor und das Orchester Concerto con Anima unter der Gesamtleitung von Michael Reif.

Ein bezaubernder Abend, getragen von der wuchtigen Leichtigkeit Bachscher Musik die sich hier – wie sonst nirgendwo sonst in seinem Werk – in ihrer ganzen Breite und Vielseitigkeit entfaltet. Zum Beispiel in der Eindringlichkeit des „Kyrie eleison“ das kontrastiert mit dem engelgleichen Jubel des „Christe eleison“, leicht und betörend vorgetragen von Tina Scherer und Ulrike Staude.

Wunderschön auch das „Laudamus te“, bei dem sich Frauenstimme und Sologeige in geradezu tänzerischer Ausgelassenheit umspielen und auf diese ungewöhnliche Weise ihrem Lobpreis Ausdruck verleihen. Stimmungsmäßig unterstützt durch das fugenartig angelegte „Gratias agimus“ des Chores, dem drei strahlende historische Trompeten zur Seite stehen.

Ebenso brillierend das Horn im „Quoniam tu solus Sanctus“, das im Zusammenklang mit dem Bass (Marc-Olivier Oetterli) den Abschluss des Gloria vorbereitet. Im „Cum Sancto Spiritu“ der Chorfuge findet er dann seinen virtuosen Höhepunkt, der mächtig und leichtfüßig zugleich den Lobpreis Gottes beschließt.

Im anschließenden Credo vollzieht sich Bachsche Tonmalerei unüberhörbar hinunter in die Tiefen des „Et incarnatus est“ und wieder hinauf in die Höhen des „Et resurrexit“. Blitzsauber dabei das a-capella-Solo der Männerstimmen im „Et iterum venturus est cum gloria“.

Sodann das Credo-Finale in „Et expecto“, das im „Amen“ abrupt abbricht und damit umso auffälliger das feierliche „Sanctus“ vorbereitet. Schwelgerisch auch das „Osanna“ des Chores, das geradezu triumphal endet. Mitgerissen vom Chorklang zeigt sich auch der Tenor Georg Poplutz im „Benedictus“, das er im kantilenenhaften Dialog mit der Soloflöte zauberhaft meistert.

Ebenso wie Altistin Bettina Ranch das „Agnus Dei“, bevor der Chor im „Dona nobis pacem“ noch einmal klangprächtig über sich hinaus wächst. Ein Abend, der dem von Bach gesetzten Anspruch und dem Anlass voll gerecht wurde und eines der Glanzlichter dieser Chorsaison darstellt.

Die Macht der Triebe

Franz Schrekers „Irrelohe“ in der Bonner Oper

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Fotos: Thilo Beu

Was wäre die Opernliteratur ohne die Macht der Triebe? Ungebändigt durchbrechen sie die Konventionen und sorgen – gewollt oder ungewollt – für Verwirrung oder gar Zerstörung. Nicht selten lastet ein Fluch auf den Folgen dieser ungezügelten Leidenschaft.

Nicht anders verhält es sich in der Oper „Irrelohe“ von Franz Schreker. Seit ihrer Entstehung in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts selten gespielt, wurde sie nun von Klaus Weise auf die Bonner Bühne gebracht. Von Anfang bis Ende zieht sich die schwüle Atmosphäre unvergebener Schuld durch die Handlung. Eine Entladung der aufgestauten Spannung erscheint daher von Anfang an als unvermeidlich.

Da ist zunächst die fesche Schankwirtin Lola, inzwischen ergraut, die ihrem Sohn Peter bislang noch nicht das bedrückende Familiengeheimnis anvertraut hat. Es besteht darin, dass sich am Tage ihrer Hochzeit der Feudalherr des Schlosses „Irrelohe“ ihrer bemächtigte und ihren einzigen Sohn mit ihr zeugte. Nun kehrt ihr damals geflohener Verlobter Christobald zurück und offenbart dem entsetzten jungen Mann diesen schauerlichen Sachverhalt.

Beeindruckend Daniela Denschlag als Lola, die ihr Trauma mit einem stets wiederkehrenden Lied abzuarbeiten versucht. Überzeugend auch Mark Rosenthal als Christobald, der das grausige Geheimnis Stück für Stück wie einen bösen Geist aus der Flasche freilässt. Und dazwischen der ahnungslose Peter, dessen plötzliche psychische Wandlung von Mark Morouse hervorragend zum Ausdruck gebracht wird.

Dabei greift Franz Schreker zurück auf ein neues, modernes Menschenbild, dessen Tiefen er ausdeutet mit den Mitteln der Psychoanalyse. Die Vielschichtigkeit und den Farbenreichtum, die er dabei entdeckt, kleidet er in fein nuancierte süßliche Klänge bis hin zu lauten Klangeskapaden großen Orchesters. Die Technik der Leitmotive verbindet ihn dabei bis hin zu angedeuteten Zitaten mit seinem Vorbild Richard Wagner.

Die Hauptpersonen der Handlung jedoch sind Eva, die Tochter des Försters (Ingeborg Greiner), und Heinrich, Graf von Irrelohe (Roman Sadnik). Als Abkömmling seines gewalttätigen Vaters ist er zugleich der Halbbruder von Peter. Beide verbindet die Liebe zu Eva, ein Umstand, der die Wiederholung der einstigen Untat befürchten lässt.

Doch es kommt anders. Denn nicht der legitime Sohn des Grafen greift zur Gewalttätigkeit, sondern der einst durch Gewalt entstandene Halbbruder, der schließlich - eine Folge der Notwehr - seine Mischung aus Frustration und Aggression mit dem Leben bezahlt. Eine unglaublich dicht erzählte und komponierte Dreiecksbeziehung, die an Dramatik kaum zu überbieten ist.

Da bringen die drei zündelndenVagabunden Fünkchen (Valentin Jar), Strahlbusch (Piotr Micinski) und Ratzekahl (Ramaz Chikviladze) mit ihren ausgefallenen Kabinettstückchen zum Glück eine gelungene Entspannung in die Handlung. Allerdings mit dem Ergebnis, dass am Tage der Hochzeit von Eva und Heinrich nicht nur eine Leiche zu verkraften ist, sondern auch noch das verwunschene Schloss „Irrelohe“ in Flammen steht.

Unverständlich, wie man unter diesen widrigen Umständen seine Flitterwochen antreten kann. Doch die stehen unter dem Vorzeichen der „Erlösung“. Die jedoch erfordert die Auflösung des alten Fluches – notfalls mit Blut und verzehrenden Flammen - die Raum schaffen für einen gereinigten Neuanfang.

Insgesamt eine gelungene und zudem verdienstvolle Inszenierung, die den Applaus verdient. Besondere Zustimmung indes erfährt Stefan Blunier, der dem Beethoven Orchester Bonn und dem Opernchor (Einstudierung: Sibylle Wagner) überzeugend die gesamte Bandbreite der in der Komposition angelegten Stimmungen entlockt. Auf die angekündigte CD darf man gespannt sein.

Termine: 2. u. 19. Dez. und weitere Termine 2011 

Die Macht der Musik

Mit Wagners „Ring“ zur Expo nach Shanghai

 Dr. Bernd und Cecilie Kregel im Gespräch mit dem

Kölner Generalmusikdirektor und Gürzenich-Kapellmeister Markus Stenz

Wie bereits bei den Olympischen Spielen präsentiert sich China auch in diesem Jahr auf der „Expo 2010“ in Shanghai von seiner beeindruckendsten Seite. „Better city, better life“, lautet das Expo-Thema, das die teilnehmenden Länder einlädt, in einem weltweiten  Kreativwettbewerb über die Lebensbedingungen der Zukunft nachzudenken.

Eine der größten Überraschungen aus deutscher Sicht stellt jedoch die chinesische Einladung an die Stadt Köln dar, in diesem Zusammenhang – gleichsam als Höhepunkt des künstlerischen Rahmenprogramms - Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in Shanghai aufzuführen. Jenes monumentale Gesamtkunstwerk in vier Aufführungsteilen mit der stattlichen Anzahl von mehr als dreihundert Mitwirkenden.

Diese Einladung, so macht Markus Stenz (Foto), Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Kapellmeister des Kölner Gürzenich-Orchesters deutlich, ist erwachsen aus einer drei Jahre zurück liegenden erfolgreichen Konzertreise mit seinem Orchester nach China. Bereits im März 2008 erhielt Kulturdezernent Prof.  Quander dann die offizielle Einladung zu dem Gastspiel.  Sicherlich eine Gelegenheit mit Ausnahmecharakter, die sich so schnell nicht wieder bietet. Denn Wagners „Ring des Nibelungen“ wird zudem das erste Mal überhaupt in der chinesischen Metropole aufgeführt.

Mit Spannung wird die Reaktion des Publikums auf die Shanghai-Premiere erwartet. Kein Werk in der Opernliteratur entwickle eine ähnlich hypnotische Wirkung wie Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Und mehr noch als die einzelnen Handlungsstränge in Wagners Libretto wirke die Macht der Musik. Dies habe sich auch im frenetischen Kölner Schlussapplaus gezeigt, besonders im Anschluss an die „Walküre“ und die „Götterdämmerung“. Man hatte den Eindruck, dass das Kölner Publikum auf einer tiefen, v.a. musikalisch-emotionalen Ebene berührt werde. Und genau dieses tiefere Verständnis erschließt sich sicher auch dem Publikum in Shanghai. In jener Metropole, die als Schmelztiegel erwachsener und neugieriger Kultur vielen anderen an Dynamik und Aufgeschlossenheit weit voraus sei. Für ihn gebe es gegenwärtig „keinen magnetischeren Ort als Shanghai“.

Es ist die bereits bewährte Inszenierung von Robert Carsen, die neben der Untugend des Machtmissbrauchs vor allem die Gier aufs Korn nimmt. Jene Fehlhaltung des Menschen, den die Gesetze der Natur gleichgültig lassen, selbst wenn er damit seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Es sind die universellen Themen wie der Umgang mit Macht und Ressourcen, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, Verrat und Meineid, die in Robert Carsens Produktion bildgewaltig gezeigt werden. Und dennoch lässt Carsen selbst noch in der „Götterdämmerung“ Raum für die Hoffnung auf einen Ausweg in eine lebenswerte Zukunft.

Ein Riesenprojekt solchen Zuschnitts hat natürlich auch seinen Preis. Zum Glück seien Rücklagen aus früheren Zuwendungen der Stadt Köln vorhanden, und auch die chinesische Seite sei in finanzieller Hinsicht sehr entgegenkommend. Und es ist nicht allein der „Ring“, der in dem Einladungspaket enthalten ist. Hinzu kommen mehrere Aufführungen des neuen Kölner „Don Giovanni“ sowie zusätzliche Orchesterkonzerte. „Nie mehr wird es ressourcenfreundlicher, ein so umfangreiches Gastspiel durchzuführen.“

Mitte September ist es dann soweit. Am 16.-19.9 und am 21.-24.9. kommen die beiden Zyklen des „Rings“ im Grand Theatre von Shanghai zur Aufführung, einem der repräsentativsten Gebäude der Stadt. Erbaut von dem französischen Architekten Charpentier in Form eines prächtigen Kristallpalastes mit weit ausladendem Dach, trifft es – speziell mit seinen nächtlichen Lichteffekten – östlichen und westlichen Geschmack in gleicher Weise. In der Tat ein angemessener Ort für ein außergewöhnliches Programm!

Danach  steht Mozarts „Don Giovanni“ in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg auf dem Programm. Dieses Mal im National Center for the Performing Arts in Peking vom 29.9.-1.10. Und abschließend das Eröffnungskonzert des Macao International Music Festival im Macao Cultural Center am 3.10.2010.

Und sind bei dieser Vielfalt der Auftritte bereits auch entsprechende Gegenbesuche der chinesischen Seite in Köln geplant? Mit dem betretenen Neuland müsse man sich erst langsam vertraut machen. Vielleicht  jedoch würden China-Tourneen in beide Richtungen eines Tages zum Alltag des Klassik-Marktes gehören.

Nun jedoch, am Ende der Spielzeit, gelte es erst einmal, die Theaterpause zu nutzen, um sich anschließend mit frischen Kräften in den Fernen Osten auf den Weg zu machen. Ist es eher die musikalische Abenteuerlust oder die organisatorische Aufbruchstimmung, die da aus Markus Stenz hervorblitzen? So bleibt am Ende des Gesprächs noch der Wunsch für einen ebenso großen Erfolg in den chinesischen Konzertsälen wie in der heimischen Kölner Oper.

Rheinkultur

Das „Kameha Grand Bonn“ als neues Kunstzentrum

Von Dr. Bernd Kregel

Als dunkle Schatten wie in einem Traum aus Wasser und Licht gleiten sie schwerelos dahin: das schwimmende Pferd und sein Reiter, der sich – Halt suchend – an dessen Mähne festkrallt. Ungewöhnlich an diesem Bildmotiv ist vor allem die Blickrichtung. Denn der Betrachter sieht Ross und Reiter aus der Froschperspektive, sodass sich deren Silhouetten vom Blau des Himmels abheben und vom blitzenden Licht der Sonne umspielt werden.

Ein anderes Motiv stellt eine in wallende weiße Gewänder gehüllte Frauengestalt dar, neben der – engelgleich – ein Kind schwebend der Schwerkraft zu trotzen scheint. Allesamt Figuren, die eine abgehobene, zu Herzen gehende Stimmung erzeugen und für das Auge des Betrachters zunächst höchst rätselhaft bleiben.

Es sind die Unterwasser-Fotografien der Londoner Fotografin Zena Holloway, deren Bilder voller zauberischer Leichtigkeit im Übergangsbereich zwischen Tauch- und Fantasy-Fotografie angesiedelt sind, stets begeisterte Blicke auf sich ziehend. Zusammen mit anderen Motiven der Künstlerin gehören sie zur Innendekoration des „Kameha Grand Bonn“, das Ende letzten Jahres seine Tore öffnete.

Gelegen am Rheinbogen der östlichen Bonner Rheinseite mit Blick auf die romantische Bergkette des Siebengebirges, gilt es seither als eine der ersten Adressen in Deutschland. So erhielt es im März 2010 nicht nur den „Oscar“ der deutschen Immobilienwirtschaft, sondern wurde wenig später auch noch mit der höchsten Auszeichnung der Hotellerie im deutschsprachigen Bereich als „Hotel des Jahres 2011“ ausgezeichnet.

Einmal wegen seiner ausgefallenen Lage in der Bonner Uferlandschaft, in die es sich architektonisch mit seiner wellenförmigen schlichten Außenfassade harmonisch einfügt. Etwas Besonderes, etwas Einmaliges sollte entstehen auf dem Industriegrundstück eines ehemaligen Zementwerks. Und dieses Ziel hat der Bonner Architekt Karl-Heinz Schommer offensichtlich erreicht.

Hinzu kommt die innenarchitektonische Ausgestaltung durch den Interior-Designer Marcel Wanders. Sein Anliegen war es, dem Gebäude bei aller schlichten Eleganz doch gleichzeitig mit den verschiedensten Accessoires ein barockes Aussehen zu verleihen in der Bandbreite zwischen Byzantinismus und Alice in Wonderland. Jeder, so sein Anliegen, soll im öffentlichen Bereich seinen individuellen Lieblingsplatz finden, sodass der sonst in der Hotellerie so häufig anzutreffenden Langeweile ein für allemal Hausverbot erteilt werden kann.

Und ein weiterer Gesichtspunkt erweckt neuerdings Aufmerksamkeit, der geeignet ist, das „Kameha Grand Bonn“ zu einem rechtsrheinischen Kultur- und Kunstzentrum erstehen zu lassen. Als originelle Ergänzung zu der Bonner Museumslandschaft mit ihrem Kunstmuseum Bonn sowie der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland auf der anderen Rheinseite.

Es ist dies die Berufung der Kuratorin und Eventmanagerin Sabine Weichel zu einer Kunst- und Kulturbeauftragten des „Kameha“. Ein kühner Schritt, mit dem das Hotel – wohl als erstes in Deutschland – sich sogleich als Trendsetter in diesem Bereich präsentiert. Denn es ist fortan die Aufgabe von Sabine Weichel, an diesem Ort Ausstellungen, Konzerte und Events rund um das Thema Kunst zu planen und zu organisieren. Eine für sie in dieser Form neue und dazu höchst attraktive Aufgabe, die – wie sich im Gespräch zeigt – ihre Fantasie bereits jetzt auf Touren bringt.

So kann sie sich gut vorstellen, unter dem Dach des „Kameha“ die vielfältigsten Personen und Kunstrichtungen zusammen zu führen: vom Maler, Musiker und Installationskünstler bis hin zum Literaten, Wirtschaftsexperten und interessierten Kunstliebhaber der Region, der natürlich zu den Vernissagen und Events eingeladen ist.

Denn es ist, wie sie betont, ihre Passion, „die Kunst zu den Menschen zu bringen, um Menschen Kunst nahe zu bringen“. Aus diesem Grund will sie das Haus mit vielfältigen intellektuellen, künstlerischen und emotionalen Inhalten füllen. Ein hoher Anspruch, der schon in diesem Jahr in einem ersten Versuch verwirklicht werden soll.

Denn für die Vorweihnachtszeit ist eine Ausstellung des französischen Malers Jean-Marc Huss vorgesehen, der bereits vor mehreren Jahrzehnten in Thailand seine neue Heimat gefunden hat. So erstaunt es nicht, dass sich der Künstler intensiv mit dem Buddha-Motiv auseinandergesetzt hat, dem er sich bei seiner Malerei in einer originellen Mischung aus Kunstfotografie und Steinplastik nähert.

Eindrucksvolle und aussagekräftige Gemälde, die nach Angaben des Künstlers einführen in die meditative Welt des Buddhismus. Gleichzeitig jedoch sind sie Türöffner für zukünftige Kunsterlebnisse im neuen Kunst- und Kulturzentrum „Kameha Grand Bonn“.    

Hallenarie bis Habanera

Kehraus-Konzert im Bonner Opernhaus

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

War es Zufall oder eine gekonnte Anspielung auf die zurzeit überregional wohl bekannteste Bonner Immobilie? Ein verschmitztes Augenzwinkern war allenthalben unübersehbar, als die „Hallenarie“ aus Richard Wagners „Tannhäuser“ erklang, leidenschaftlich vorgetragen von Ingeborg Greiner in der Rolle der Elisabeth.

Wollten die Programmgestalter des diesjährigen Kehraus-Konzerts in der Bonner Oper am Ende der Spielzeit noch einmal aufmerksam machen auf die verpasste Chance der Stadt, sich eine neue Konzerthalle schenken zu lassen? Zumindest ist es nicht auszuschließen an diesem festlichen Abend, an dem die Gourmets der Opernliteratur die Höhepunkte der letzten Spielzeit noch einmal als Appetithäppchen auf einem silbernen Tablett serviert bekamen.

Nun schon das zweite Mal in Folge, sodass sich inzwischen schon der Beginn einer liebenswerten musikalischen Tradition abzeichnet. Ein künstlerisches Großaufgebot, in dessen Rahmen sich Interpreten und Zuhörer bei Kunstgenuss und humoristischen Einlagen offensichtlich ein weiteres Stück näher gekommen sind.

Einfühlsam und ergreifend vorgetragen auch das Lied an den Abendstern aus derselben Oper, in dem sich Lee Poulis mit eindringlichem Bariton einer höheren Instanz anvertraut. Ähnlich gefühlsbetont auch Julia Kamenik, die als Leos Janaceks Katja Kabanowa bereits die ganze Spielzeit hindurch ihr Zerbrechen an einer gefühllosen und grausamen Umwelt nachvollziehbar gemacht hatte.

Demgegenüber die Tenorarie „La donna e mobile“ aus Giuseppe Verdis „Rigoletto“, die trotz ihrer ernsthaften Thematik mit ihrer eingängigen Melodie einen Stimmungsumschwung vorbereitete. Bis hin zu George Bizets ansteckendem „Carmen“-Vorspiel, gefolgt von der Habanera, in verführerischem Mezzosopran vorgetragen von Anjara Bartz.

Und gegen Ende eine weitere Gefühlsdusche beim Gegensatz von Franz Lehars „Die lustige Witwe“, in der Julia Kamenik und Mirko Roschkowski sich bei „Lippen schweigen“ ihre Liebe gestehen. Im Unterschied zu dem Dialog aus Eugene d’Alberts „Der Golem“, in dem Ingeborg Greiner und Mark Morouse in bedrückender Atmosphäre verzweifelt eine Antwort auf die Frage versuchen: „Unbewegt – warum hattest du dich gewehrt?“

Insgesamt eine Anthologie des Opernrepertoires, das darüber hinaus im ersten Teil auch Ausschnitte aus Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ (Egbert Herold), Andreas Schmittbergers „Die chinesische Nachtigall“ (Kinderchor), Mozarts „Don Giovanni“ (Mirko Roschkowski) Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ (Daniela Denschlag, Mark Rosenthal) und Giuseppe Verdis „La Traviata“ (Irina Oknina, George Oniani, Anjara Bartz, Johannes Flöge, Egbert Herold) umfasste.

Im zweiten Teil gefolgt von Gaetano Donizettis „Der Liebestrank“ (Mirko Roschkowski, Giorgos Kanaris) und „Salome“ von Robert Stolz, eine schwüle Handlung, bei der dem Beethoven Orchester Bonn unter seinem Dirigenten, Generalmusikdirektor Stefan Blunier, die musikalische Umsetzung der emotionalen Tiefgründigkeit hervorragend gelang. Blunier wechselte sich an diesem Abend ab mit Christopher Sprenger und setzte so die Tradition fort, den Kehraus vom Pult aus nicht allein zu bestreiten.

Hervorragend auch der Opernchor, der u.a. beim Prolog und der Schlussszene von Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ seine Klangfülle entfaltete. So erzwang der begeisterte Applaus eine von allen Solisten vorgetragene humoristische Version des ewig jungen „O sole mio“, zu der auch das Publikum eingeladen war. Insgesamt ein Abschlussabend, der bereits neugierig macht auf das Programm der nächsten Spielzeit.

Zauber der Manege

Zirkus Charles Knie auf großer Deutschlandtournee

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

Nirgendwo sonst auf der Welt werden so große Zirkusträume wahr wie in dem kleinen Monaco. Denn eine Auszeichnung beim Internationalen Circusfestival von Monte Carlo ist hier ebensoviel wert wie anderswo die Verleihung eines Oscars. Wer sie in Form eines silbernen oder goldenen Clowns erhält, hat damit den Gipfel des artistischen Olymps erklommen und ist aufgestiegen in die Spitzengruppe der circensischen Götter.

Alexander Lacey hat es geschafft. Mit der Auszeichnung für seine große gemischte Raubkatzen-Dressur ist er heute einer der Shooting-Stars am internationalen Zirkushimmel. Doch selbst als einer der besten Tierlehrer der Gegenwart sieht er es realistisch: „Du kannst sie trainieren, aber du kannst sie nicht zähmen“, lautet seine Devise. Und jeder Besucher seiner aufregenden Raubtier-Schau glaubt ihm das aufs Wort.

Der Großzirkus Charles Knie ist seine gegenwärtige Heimat. Hier findet er die Gelegenheit,  in einem der schönsten Zirkusprogramme der Gegenwart während einer Deutschlandtournee durch fünfzig Städte die Zuschauer teilhaben zu lassen an der hohen Kunst der Tierdressur. Und ihnen dabei etwas vom Zauber der Manege zu vermitteln, der schon immer geeignet war, Menschen emotional in eine andere Welt zu entführen.

Diesem hohen Anspruch haben auch alle anderen Programmstücke zu genügen. Darbietungen sollen es sein, die in dieser Form in Deutschland noch nicht zu sehen waren. Und genau das ist den Veranstaltern bei ihrer Auswahl bestens gelungen. So entfaltet sich im Verlauf der „Reise um den Globus in 150 Minuten“ ein Kaleidoskop von Menschen, Tieren und Sensationen, wie es hierzulande in dieser Fülle kein zweites Mal anzutreffen ist.

Edle Pferde und exotische Tierarten aus aller Welt wechseln sich ab mit vorwitzigen kalifornischen Seelöwen, die unter Anleitung der bezaubernden Mona in einer fröhlichen Flossenshow ihr sicheres Gespür für Späßchen aller Art unter Beweis stellen – als versierte Jongleure, Balance-Künstler, Handstandartisten und flotte Stepptänzer.

Und dann Kenneth Huesca aus Italien, der die Kunst des Bauchredens für den Zirkus neu entdeckt und zu einer unglaublichen Perfektion entwickelt hat. Der witzig-freche Paradiesvogel Starsky ist sein Gesprächspartner, wenn nicht gerade einzelne Zuschauer aus dem Publikum von ihm aufs humoristische Glatteis geführt werden.

Ganz anders die Gruppe Nistorov mit ihrer rasanten Rollschuhnummer. Auf einer kleinen runden Plattform beweisen die vier Geschwister aus Italien ihr außergewöhnliches Koordinationsvermögen, indem sie auf Rollschuhen ein unglaubliches und Atem beraubendes Tempo vorlegen. Ein seltenes Genre der Zirkusartistik, mit dem sie sich bereits in die Weltspitze hinauf katapultiert haben.

Rasant auch die brasilianische Gruppe „Flying Mendonca“ auf ihrem Flugtrapez, zwar klassisch, aber doch modern verpackt. Ihre Saltos und Pirouetten unter der Zirkuskuppel lassen den Atem stocken. Abschließend darf natürlich der dreifache Salto Mortale nicht fehlen. Brasilianisches Temperament und eine unglaubliche Präzision verleihen der Vorführung jedoch stets einen Hauch von Mühelosigkeit und Leichtigkeit.

So hat sich Zirkus Charles Knie inzwischen zu „einer der ersten Zirkusadressen in Deutschland“ entwickelt, wobei alle traditionellen Elemente der Zirkus-Kunst in einem modern choreographierten Programm vereint sind. Und nicht zuletzt ist es die bezaubernde Atmosphäre innerhalb und außerhalb der Manege, die die Aufführung zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt.

www.zirkus-charles-knie.de

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Die Gier nach dem Gold

Wagners „Ring“ in der Kölner Oper

Von Dr. Bernd und Cecilie Kregel

 

 

 

 

 

 

Foto: Dirigent Markus Stenz, Sisi Burn

Foto: Wotan als Bauherr, Klaus Lefebvre

Weihevoll beziehen die Blaublütigen ihre neue Immobilie. Ohne Eigenkapital hatte Göttervater Wotan sie in Auftrag gegeben und dabei darauf spekuliert, dass ihm der Coup, notfalls mit List und Tücke, gelingen werde. Er, der Hüter der Verträge, setzt auf windige Geschäfte und schreckt dabei nicht zurück vor brutaler Gewalt. Moral? Fehlanzeige! Verantwortung? Keine Spur! Nur die Gier nach dem Gold und der Macht treiben ihn an. Koste es, was es wolle.

Nie war er so aktuell wie heute: Wagners „Ring“ mit seiner Analyse der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. So gewinnt die bewährte Kölner Inszenierung von Robert Carsen bei ihrer gegenwärtigen Wiederaufnahme eine unverhoffte Brisanz. Sind mit dem Einzug in Walhall die zurück liegenden Probleme gelöst? Oder bricht doch noch eine zerstörerische „Götterdämmerung“ herein, die alles und alle mit hineinreißt in den Strudel des Abgrunds? Eine apokalyptische Vision, von Kapitalismus-Kritiker Wagner sicherlich nicht unbeabsichtigt und bei der gegenwärtigen Finanzkrise vom Gegenstand her nicht grundsätzlich auszuschließen.

Allen voran Obergauner, pardon: Obergott Wotan, überzeugend dargestellt von Greer Grimsley. Stimmlich bestechend, überzeugt er, selbst gefangen im Labyrinth widriger Umstände, an allen Fronten, die sich für ihn auftun. So im Streit mit Ehefrau Fricka (Dalia Schaechter), die ihn nachdrücklich zum Kompromiss zwingt, wenn sie – wie im Fall von Siegmund und Sieglinde – ihren Zuständigkeitsbereich als Hüterin der Ehe unterlaufen sieht.

Aus diesem Streit entwickelt sich auch der Konflikt mit seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die den von Flicka erzwungenen halbherzig erteilten Befehl ihres Vaters nicht ausführt und Siegmund im Zweikampf mit Hunding (Mikhail Petrenko) schont. Äußerst überzeugend als Brünhilde Evelyn Herlitzius, die als außergewöhnlich jugendlich wirkende Walküre die frenetischen Beifallsbekundungen des Publikums auf sich zieht.

Und schließlich die Auseinandersetzung mit Alberich (Oliver Zwarg), dem gegenüber sich Wotan wegen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Position zu nichts verpflichtet weiß. Auch Alberich, der stets Gedemütigte, ist allzeit bereit, kräftig auszuteilen: Rücksichtslos gegenüber den Rheintöchtern (Jutta Böhnert, Regina Richter, Katrin Wundsam) unterwirft er sich seinen Bruder Mime (Martin Koch) und behandelt seine Untergebenen wie Arbeitssklaven (Leitung Statisterie: Martina Pohl).

Nur der gerissene Loge (Carsten Süß), mit alle Wassern gewaschen, schwebt mit seinen Ratschlägen zwischen den Fronten und weiß listigen Rat selbst dann, wenn Obergott Wotan mit seinem Latein am Ende ist. So geht die kriminelle Beschaffung des Goldes zur Entlohnung der ungeschlachten Walhall-Erbauer Fafner (Ante Jerkunica) und Fasolt (Kurt Rydl) zurück auf seine Anregung – womit sich der Kreis zum gegenwärtigen skrupellosen Umgang mit fremden Kapital schließt. Und womit sich der „Ring des Nibelungen“ als Symbol für den Kreislauf der ewigen Gier wieder einmal bewährt hätte.

Insgesamt eine Inszenierung wie aus einem Guss (Bühne und Kostüme: Patrick Kinmonth) unter der musikalischen Leitung des Kölner Generalmusikdirektors Markus Stenz, der äußerst engagiert sein Gürzenich-Orchester zu schlanker und durchsichtiger Wagner-Wiedergabe inspiriert. Auch ihm gelten die Standing Ovations, mit dem sich das Publikum für die großartige Gesamtleistung bedankt.

Und die ist gegen Ende der laufenden Spielzeit zugleich eine Generalprobe. Denn im September wird die gesamte Kölner „Ring“- Produktion in Shanghai anlässlich der dortigen Weltausstellung mit nahezu fünfhundert Mitwirkenden als ein nicht zu überbietender Kultur-Höhepunkt zur Aufführung gebracht.

Zusammenprall der Kulturen oder gemeinsame Kapitalismus-Kritik im Zeitalter der Globalisierung? Oder sogar die ebenfalls in der Inszenierung enthaltene Naturverantwortung als zentrales Thema? Auf die chinesische Reaktion darf man gespannt sein. Zu wünschen bleibt dem Kölner Opernensemble eine erfolgreiche Aufführung in Fernost. Loge, so heißt es, sei den  Anderen bereits voraus geeilt.

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Fotos: Brigitte Maria Mayer

Passionsfieber in Oberammergau

Neue Akzente in einem alten Spiel

 Von Dr. Bernd Kregel

Hoch aufgerichtet steht er da, eine stattliche Figur durch und durch - der Hohepriester Kaiphas. In seinem langen weißen Gewand und zusätzlich überhöht durch eine imponierend aufragende zylindrische Kopfbedeckung, füllt er die fünfzig Meter breite Bühne mit seiner Präsenz und zieht dadurch wie selbstverständlich die Blicke der fünftausend Zuschauer auf sich. Denn mit dem Hohen Rat hinter sich und dem Statthalter Pontius Pilatus vor sich kämpft er wie ein Löwe gegen den unscheinbaren „Wanderprediger“ Jesus von Nazareth, der ihm beim Ringen um die Sympathiewerte im Volk bereits gefährlich nahe gekommen ist.

Mit bürgerlichem Namen heißt Kaiphas jedoch Anton Preisinger. Und normalerweise stehen nicht die religiösen und machtpolitischen Belange von Jerusalem im Mittelpunkt seines Interesses. Vielmehr sind es die Gäste seines renommierten Hotels in der Dorfstraße von Oberammergau, dem er in langer Traditionskette als Juniorchef vorsteht. Schon sein Vater Anton spielte bei früheren Aufführungen eine gewichtige Rolle. Und ebenso sein Großvater, ebenfalls Anton, der als Jesus-Darsteller des Jahres 1960 längst Eingang gefunden hat in den Oberammergauer Passionsspiel-Olymp. Nun wartet bereits ein Anton Preisinger der vierten Generation auf seinen Einsatz bei der nächsten Aufführung im Jahr 2020.

Wie bei den Preisingers verhält es sich in vielen Familien der von hohen Bergen umrahmten bayerischen Gemeinde an der Ammer. Hier vererbt sich nicht nur das Kunsthandwerk des Holzschnitzens vom Vater auf den Sohn, sondern auch die Schauspielkunst von einer Generation auf die andere. Eine Tradition, die zurück reicht in das Jahr 1633. In jene Zeit, als im Dreißigjährigen Krieg die Dorfbewohner in der Hoffnung auf gnädige Errettung vor der Pest das Gelübde ablegten, regelmäßig Passionsspiele aufzuführen. Ein Versprechen, an das man sich in Oberammergau nun schon seit Jahrhunderten gebunden weiß, in diesem Jahr bereits zum 41. Mal.

So ist es heute nicht mehr die Pest, die die Menschen ansteckt, sondern vielmehr das Fieber der großen gemeinsamen Aufgabe, das hier von den Dorfbewohnern Besitz ergreift. Zweitausend Mitwirkende sind es auch in diesem Jahr. Nicht mitgerechnet all jene, wie zum Beispiel David in seinem Studio nahe der Stadtkirche Peter und Paul, der weder in Oberammergau geboren wurde noch die Mindestwohnzeit von zwanzig Jahren vorweisen kann. „Beim nächsten Mal“, so gesteht er mit leuchtenden Augen, sei er „auf jeden Fall dabei“.

Wer bereits in diesem Jahr dazu gehört, den erkennt man unschwer an seinem Bart und an den lang gewachsenen Haaren, die für den Bühnenauftritt unbedingt dazu gehören – selbst wenn die Bärte, wie es heißt, in alten Zeiten noch mächtiger und prächtiger die Gesichter der Schauspieler überwucherten. Sicherlich hat sich der Geschmack über die Jahrzehnte hinweg geändert. Aber haben es auch die Erwartungen des Publikums, das in einer Anzahl von mehr als einer halben Million bis in den Oktober hinein jeweils sechs Stunden lang die Passionsgeschichte durchlebt und durchleidet?

Noch immer ist es die Einmaligkeit der Handlung, die bereits seit dem frühen Mittelalter die westliche Kultur geprägt hat und dadurch im kollektiven Unbewussten des christlichen Abendlandes fest verankert ist. Zugleich aber ist es das Rätselhafte, ja Mystische, das sich einer schnellen Erklärung entzieht und gerade aus diesem Grund in die Tiefenschichten des Einzelnen vordringt, sei er nun gläubig oder nicht.

„Spielleiter“ Christian Stückl, der bereits als jüngster Regisseur Einzug hielt in die Passionsspiel-Annalen, setzt im Hinblick auf ein modernes Passions-Verständnis eigene Akzente. So vermeidet er gezielt den  traditionell im Stück angelegten Antisemitismus. Vielmehr verlegt er den Hauptkonflikt anschaulich hinein in das Judentum der damaligen Zeit. In die Auseinandersetzung um die Person Jesu, ausgetragen durch die Hauptgegenspieler Kaiphas und Nikodemus. Ein spannender Streit, wie man ihn in dieser Ausführlichkeit und Intensität nirgendwo sonst jemals miterlebt hat.

Ein thematischer Schwerpunktwechsel betrifft auch die Person Jesus selbst. Der ist natürlich, bei  aller schauspielerischen  Zurückhaltung seines Darstellers Frederik Mayet, immer noch die Hauptfigur der Passionsgeschichte. Doch er präsentiert sich nicht mehr wie bei früheren Aufführungen zunächst als der zornige junge Mann, der mit Gewalt die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel treibt. Vielmehr führt er sich ein als charismatischer Lehrer, der mit seinen spektakulären Seligpreisungen den inhaltlichen Rahmen seiner Botschaft vorgibt und damit die Voraussetzung schafft für die kontroversen Positionen.

So liegt der Focus für Spielleiter Christian Stückl nicht mehr so sehr auf dem Opfertod Jesu und der daraus sich ableitenden Rechtfertigung des Sünders, selbst wenn die Kreuzigungsszene in ihrer dramatischen Anschaulichkeit zu den Höhepunkten der Aufführung gehört. Vielmehr ist es die Lehre Jesu vom Reich Gottes verbunden mit dem alle Gesetzlichkeit überragenden Liebesgebot, die sich wie ein roter Faden durch das Stück hindurch zieht.

Ein besonderer Coup gelingt Stückl auch mit der Verlegung des zweiten Aufführungsteils in die Abendstunden hinein. Bereits in der Vorpremiere wird deutlich, wie die Dunkelheit mit sparsam gesetzten Lichteffekten der Handlung eine größere Überzeugungskraft abgewinnt als das Tageslicht.

Neutralisierend im  bewegten Handlungsablauf wirkt mit seiner liturgischen Schlichtheit der Chor, der wie in der griechischen Tragödie mit seinen kommentierenden und meditativen Einschüben die Schwerpunkte des Geschehens reflektiert. Umso aufgebrachter wirken dagegen die Szenen mit dem Volk. Besonders dann, wenn es sich, manipuliert durch die Priesterschaft, hinein steigert in ein mit seiner Dramatik kaum zu überbietendes „Kreuzige!“, wodurch das noch wenige Stunden zuvor mit Begeisterung herausgerufene „Hosianna!“ mit noch größerer Lautstärke gleich wieder beiseite gefegt wird.

Bei einem solchen „Passionsfieber“ sind die größten und weltweit bekanntesten Passionsspiele zweifellos auch auf Zukunft hin angelegt. Denn wer wollte bestreiten, dass selbst in kirchenkritischen Zeiten eine zeitgemäße Auslegung des christlichen Passionsgeschehens auch weiterhin interessierte Zuschauer in ihren Bann zieht?

www.passionsspiele2010.de        

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